Mythos Dirndl Dirndl Klischees, Dirndlnotverordnung, organisierte Volkskultur, Volkskulturdebatte

Ware Dirndl – das Buch zur Ausstellung

Das Buch Ware Dirndl. Austrian Look von Franz M. Rhomberg erschien parallel zur gleichnamigen Ausstellung im Stadtmuseum Dornbirn. Es behandelt die Ära der Vorarlberger Textilindustrie aus der Perspektive des Familienunternehmens, das mit der Dirndlmode aufstieg, und mit ihr unterging. Auf 370 Seiten finden sich Beiträge von 15 Autor_Innen, die auf verschiedene Aspekte der Unternehmensgeschichte eingehen. Zentral ist die Aufarbeitung des Mythos Dirndl, das ein Relikt des Nationalsozialismus ist – und an dessen Manifestation auch Franz M. Rhomberg beteiligt war.

Foto oben: Buchcover Ware Dirndl (c) Residenz Verlag

In der Schau wurden das historische Textilmusterarchiv aus dem Stadtmuseum Dornbirn und das Grafik- und Firmenarchiv aus dem Wirtschaftsarchiv Vorarlberg zusammengeführt. Im Firmenarchiv von Franz M. Rhomberg findet sich der Bestand an Fotografien und Werbung. Das Textilmusterarchiv besteht aus rund 300 Folianten mit geschätzten 300.000 Mustern aus 161 Jahren Firmengeschichte. Es steht unter Denkmalschutz und ist von großer textil- und kulturhistorischer Bedeutung. Den Grundstein für das Dirndlstoffmusterarchiv hat August Rhomberg (1905-1988) gelegt, der 1942 ins Unternehmen eintrat und u.a. für die Dirndlabteilung zuständig war. Er kaufte Musterbücher aus in- und ausländischer Konkursmasse auf und archivierte die eigenen Erzeugnisse in Musterbüchern. 

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Ideologisierung der Ware Dirndl 

Das Unternehmen Franz M. Rhomberg hatte in Vorarlberg von den 1930er- bis in die frühen 1990er-Jahre nahezu Monopolstellung in der Herstellung von Dirndlstoffen. Das Dirndl in den Mittelpunkt der  Schau zu stellen, war also naheliegend. Vorgeschlagen hat dies Co-Kuratorin Margarete Zink aus dem Wirtschaftsarchiv Vorarlbergdie in ihrem Vorwort schreibt: „Dirndlstoffe waren über Jahrzehnte ein Markenzeichen der Firma und erlauben es, über ein Jahrhundert Ideologisierung und Politisierung der Ware Dirndl in den Blick zu nehmen.“

Dirndlstoffe waren über Jahrzehnte ein Markenzeichen der Firma und erlauben es, über ein Jahrhundert Ideologisierung und Politisierung der Ware Dirndl in den Blick zu nehmen.

Margarete Zink, Wirtschaftsarchiv Vorarlberg
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Franz M. Rhomberg, farbige Werbetafel mit Originalstoff, um 1935, Farblithographie auf Karton, Textil als Collage aufgeklebt, Vorarlberg Museum; © Günter König/Stadtmuseum Dornbirn

Volkskultur in der NS-Zeit 

Das Unternehmen war im Nationalsozialismus als Musterbetrieb ausgezeichnet worden – und nutzte die Präferenz der NS-Diktatur für das Dirndl. Weshalb die Kuratorinnen an die Volkskulturdebatte anknüpften, die 2011 in Gang kam und zu einer wissenschaftlichen Aufarbeitung der ‚organisierten Volkskultur’ in Tirol und Südtirol zur NS-Zeit führte. Die Befunde dieser Forschung bildeten schon die Basis für die Schau Tracht – eine Neuerkundungdie 2020 im Volkskunstmuseum Innsbruck zu sehen war. Zentrale Figur war Gertrud Pesendorfer, die unter den Nationalsozialisten die geschäftsführende Leiterin des Volkskunstmuseums und Reichsbeauftragte für Trachtenarbeit war. Sie hatte den Auftrag, die Tracht zu erneuern, um sie für die breite Bevölkerung wieder tragbar zu machen. Die Richtlinien, die sie festlegte, behielten auch in der Trachtenpflege der Nachkriegszeit ihre Gültigkeit. Ihr Buch Lebendige Tracht in Tirol ging noch 1982 in die zweite Auflage. 

Das ‚volksechte‘ Dirndl

In der Trachtendesignabteilung von Franz M. Rhomberg inspirierte man sich bei der Kollektionserstellung an historischen Vorlagen und propagierte ab Mitte der 1930er Jahre das ‚volksechte‘ Dirndl. Aus ökonomischen Überlegungen versuchte das Unternehmen möglichst alle Stilrichtungen abzudecken – von der Tracht bis zum modischen Dirndlkleid. Wobei die Grenzen zwischen traditionell und modern fließend waren und der Begriff ‚volksecht‘ sowohl für Trachten als auch für aktuelle Dirndlstoffe verwendet wurde, wie Christian Feurstein, Archivar im Wirtschaftsarchiv Vorarlberg, in seinem Buchbeitrag anmerkt. Zuvor hatten sich große jüdische Modekaufhäuser in ihren Dirndlkreationen an der fantasievollen Haute Couture inspiriert. Unter dem nationalsozialistischen Regime sollte das Dirndl aber nicht mit der internationalen Mode gehen, sondern eindeutig zu verorten sein – und schlicht, tugendhaft, ehrenwert und bieder.  

Verbindung zur Mittelstelle Deutsche Tracht

In den 1930er Jahren gab Franz M. Rhomberg mit den Stoffen erstmals auch Mappen mit Schnittmustern und Anleitungen zum Selbernähen von Dirndlkleidern heraus. Lisl Thurnher-Weiss war für den Entwurf zuständig. Darüber hinaus erarbeitete sie Vorgaben für zulässige Kombinationen für ‚volksechte‘ Trachten. Die Künstlerin und Graphikerin war auch für Gertrud Pesendorfer tätig, für die sie Skizzen zum Trachtenbestand und zur Trachtenerneuerung in Vorarlberg anfertigte. 

Die Co-Kuratorin und Leiterin des Stadtmuseum Dornbirn, Petra Zudrell, fand mit Thurnher-Weiss ein Bindeglied zwischen Franz M. Rhomberg und der Mittelstelle Deutsche Tracht in Innsbruck. 

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Franz M. Rhomberg, farbige Werbetafel mit Originalstoff, um 1935, Farblithographie auf Karton, Textil als Collage aufgeklebt; © Markus Tretter/ Vorarlberg Museum

Das ‚echte‘ Rhomberg Dirndl

Die Begeisterung für das Dirndl hielt auch in den Nachkriegsjahren an. Geschuldet war dies der Filmindustrie, die darin „repräsentative und zugleich identitätsstiftende“ Bilder fand, wie die Münchner Kulturwissenschafterin und Ethnologin Simone Egger in ihrem Beitrag schreibt. Bei Franz M. Rhomberg ging man zur industriellen Fertigung von Dirndln über – und das sogenannte echte Rhomberg Dirndl wurde ins Leben gerufen. 

Gegen Ende der 1950er Jahre beschäftigte Franz M. Rhomberg erstmals über 1700 Beschäftigte und stieg zu den größten Textilunternehmen Österreichs auf. Das Unternehmen war zum Synonym für Folklorestoffe geworden. In der Vermarktung kooperierte es über Jahrzehnte mit Tourismusverbänden und inszenierte die Dirndl vor beeindruckenden alpenländischen Landschaften.

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Franz M. Rhomberg unterstützte die Heimatwerke in den wiederholt auftretenden Phasen der Trachtenerneuerung und reklamierte auch für die eigenen Produkte eine ‚volkskundliche Verankerung‘.  In den 1960er Jahren erarbeitete Thurnher-Weiss strenge Richtlinien für das ‚echte‘ Rhomberg Dirndl, die bis in die 1980er Jahre nahezu gleichblieben, so die Kunsthistorikerin Angelika Wöß in ihrem Beitrag. Noch im Rhomberg Dirndlheft Sommer 1981 schrieb man: „Das echte Dirndl zeigt sich auf den ersten Blick: schlicht in Farbspiel, Verarbeitung und Dirndldruck. Jedes Detail ist volkskundlich verankert und will mit Können und Traditionsbewusstsein gepflegt werden.“

„Das echte Dirndl zeigt sich auf den ersten Blick: schlicht in Farbspiel, Verarbeitung und Dirndldruck. Jedes Detail ist volkskundlich verankert und will mit Können und Traditionsbewusstsein gepflegt werden.“

Rhomberg Dirndlheft Sommer 1981
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Plakat der Kollektion Sommer 1963 © Günter König/Stadtmuseum Dornbirn

Marktsättigung

Zu Beginn der 1970er Jahre war die Textilindustrie durch die zunehmende Konkurrenz aus den Billiglohnländern in eine Krise geraten. Der Höhepunkt im Absatz von Dirndlstoffen war erreicht und ging in den darauffolgenden Jahren sukzessive zurück. In den 1980er Jahren trat schließlich eine gewisse Sättigung bei Folklorestoffen ein und F.M. Rhomberg versuchte mit der Einführung eines hochwertigen Modesortiments gegenzusteuern. Zu spät, wie Experten kritisierten, die fanden, dass Franz M. Rhomberg zu lange auf das Rhomberg Dirndl gesetzt habe. 

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1989 machte die Folkloremode nur mehr bescheidene 18 Prozent der Produktion aus. Ein Rückgang, der mit dem Modesortiment nicht kompensiert werden konnte. Als 1993 der Ausgleich angemeldet wurde, beschäftigte das Unternehmen nur mehr rund 380 Mitarbeiter.  

Simone Egger zitiert in ihrem Beitrag den Kulturwissenschafter Siegfried Becker. Er postuliert, dass der Einsatz von Folklore ‚zu einer Verklärung der Vergangenheit in romantischen Perspektiven‘, einer Reflexion ideologischer Konstruktionen aus der nationalistischen Epoche im Wege gestanden sei. 

Folgend lesen Sie Zusammenfassungen von ausgesuchten Buchbeiträgen: 

Christian Feurstein: Wirtschaftsfaktor Dirndl und Tracht. Zur Geschichte des Unternehmens Franz M. Rhomberg

Christian Feurstein, Archivar im Wirtschaftsarchiv Vorarlberg, geht in seinem Beitrag auf die Geschichte von Franz M. Rhomberg ein, das 1832 als Blaufärberei und Druckerei gegründet wurde. Das Unternehmen expandierte rasch und war bald ein mehrstufiges Unternehmen, das nur das Baumwollgarn zukaufen musste, um verschiedenste Stoffe herstellen zu können. Durch die kontinuierliche Integration von technischen Neuerungen stieg das Produktionsvolumen bis zum 1. Weltkrieg auf jährlich sieben bis acht Millionen Laufmeter Stoff. Gegen Mitte der 1930er Jahre schienen erstmals Artikel auf, die explizit als Dirndlstoffe bezeichnet waren. Das Dirndl hatte schon seit 1910 Verbreitung gefunden. Doch in den 1930er Jahren etablierte sich die historisch inspirierte Moderichtung in der industriellen Fertigung. Die neue Trachtenbegeisterung stand im Zeichen des Austrofaschismus und wurde von den Nationalsozialisten wegen seines identitätsstiftenden Potenzials gefördert. Franz M. Rhomberg wurde von Hermann Rhomberg geleitet und das Unternehmen war bereits vor 1938 für seine deutschnationale Haltung bekannt. 

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Florierende Geschäfte

Ab Mitte der 1930er Jahre propagierte F.M. Rhomberg Dirndlmode mit ‚traditionellem Ursprung‘. In der Folge stiegen die Umsätze kontinuierlich und gingen erst nach Kriegsbeginn etwas zurück. Der glühende Nationalsozialist Hermann Rhomberg war Funktionär des nationalsozialistischen Regimes. Dadurch gelang es ihm vergleichsweise gut, sein Unternehmen mit Aufträgen zu versorgen und so den Betrieb bis gegen Kriegsende zumindest teilweise aufrecht zu erhalten. Nach Kriegsende war er interniert, war aber bald wieder im Unternehmen tätig. 1949 trat er als Gründungspräsident der von ihm initiierten Dornbirner Export- und Musterschau erstmals wieder öffentlich in Erscheinung. 

Aufstieg und Fall 

Gegen Ende der 1950er Jahre beschäftigte Franz M. Rhomberg erstmals über 1700 Beschäftigte und stieg zu den größten Textilunternehmen Österreichs auf. Das Unternehmen war zum Synonym für Folklorestoffe geworden. Absatzmärkte waren der Binnenmarkt Österreich, der benachbarte süddeutsche Raum, Südtirol und Teile der Schweiz.  Hier sollte sich der Spezialist rund ein halbes Jahrhundert als Marktführer behaupten. 

Als 1993 der Ausgleich angemeldet wurde, begründete das der damalige Geschäftsführer Viktor Rhomberg mit Preisveränderungen und Währungsturbulenzen. Nach 161 Jahren wurde das Unternehmen geschlossen. 

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Plakat der Kollektion Sommer 1963: Austrian Look – Dirndlstoffe von Franz M. Rhomberg Dornbirn-Austria. Stadtmuseum Dornbirn, Textilmusterarchiv © Günter König/Stadtmuseum Dornbirn

Meinrad Pichler: Hermann Rhomberg. „Ein echter Dornbirner, als Industrieller ein würdiger Nachfahr Franz Martin Rhombergs […] und nicht zuletzt ein überzeugter Nationalsozialist (S. 218-237)

Meinrad Pichler schrieb in seinem Beitrag über Hermann Rhomberg, den Urenkel des Firmengründers. Der Autor ist Gründungsmitglied der Johann-August-Malin-Gesellschaft und publiziert laufend zur jüngeren Geschichte Vorarlbergs. Hermann Rhomberg hatte Wirtschaft studiert, bevor er 1924 ins Familienunternehmen eintrat und bald die kaufmännische Leitung übernahm. Er war sehr geschäftstüchtig und erweiterte seinen Einflussbereich durch die Ausübung zahlreicher politischer Ämter. Vier Tage vor dem sogenannten Anschluss am 12. März 1938, wurde er als Vertreter der Industrie in den Vorarlberger Landtag geholt – und unmittelbar nach dem Anschluss trat er der NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei) bei.

Diese hohen Funktionen waren nicht nur der Vorarlberger Textilindustrie nützlich, sondern auch dem eigenen Unternehmen. Während andere „im Kampf der Konkurrenzfaschismen“ – den ständestaatlichen und den hitlerdeutschen – aufgerieben wurden, habe Hermann Rhomberg diese zu nutzen gewusst, so Pichler. Rhomberg investierte antizyklisch, indem er in der Krise stillgelegte beziehungsweise marode Betriebe aufkaufte und damit Beschäftigung generierte. Strategisch ging es bei den Akquisitionen um den vollstufigen Ausbau des eigenen Betriebes, der nun von der Flocke bis zum bedruckten Stoff fertigen konnte.

Arisierungen

Bei der Neuformierung der Wirtschaftskammer wurde Rhomberg neben dem neuen Landesrat für Wirtschaftsangelegenheiten, Harald Eberl, zum Vizepräsidenten bestellt. Mit ihm und dem Dornbirner Textilunternehmer F.M. Hämmerle arisierte Rhomberg kurz nach der nationalsozialistischen Machtergreifung in Österreich das bedeutendste Wiener Modekaufhaus Herzmanskydas Max Delfiner gehörte. Die enteigneten jüdischen Vermögen und Immobilien wurden in der Wiener Vermögensverkehrsstelle verwaltet und an treue Parteigänger verkauft. Die Akquisition erwies sich als einträgliches Geschäft. Der Umsatz des Modekaufhauses stieg von Jänner 1938 bis Mai 1939 von 463.00 auf 2.034.800 Reichsmark. Nach dem Anschluss war der private Konsum gestiegen und Importeure aus dem sogenannten Altreich tätigten in Österreich Hamstereinkäufe. 1948 ging das Unternehmen in einem Rückstellungsverfahren an die Familie Delfiner zurück.

Wirtschaftlicher Glücksfall

Im Lauf des Krieges wurde Baumwolle knapp und Zellwolle (später Viskose genannt) wurde als Grundstoff zur Herstellung von Textilien immer bedeutender. Das Zellstoffwerk Lenzing AG war im Besitz der jüdischen Familien Bunzl & Biach und wurde von den Nationasozialisten enteignet. Hauptaktionäre wurden wiederum Franz M. Rhomberg und F.M. Hämmerle

Als nationalsozialistischer Musterbetrieb genoss Franz M. Rhomberg hohes Prestige in Parteikreisen, Zugang zu den militärischen Beschaffern und politischen Handlungsspielraum. So sei es möglich gewesen, in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft den größten Zuwachs an Personal, Umsatz und Gewinn zu generieren, schreibt Meinrad. 

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Auch gelang es Hermann Rhomberg die deutsche Rüstungsindustrie aus Vorarlberg fernzuhalten – und damit die Gefahr der Bombardierung durch die Alliierten. Dadurch konnte die Textilproduktion nach dem Krieg gleich wieder aufgenommen werden. Hermann Rhomberg musste 1 ½ Jahre in Internierungshaft, schloss aber schon 1955 an seine Funktionärskarriere an und wurde wieder zum Kammerrat in die Wirtschaftskammer bestellt. 

In der Folge habe Hermann Rhomberg mehr Ehrungen erfahren, als jeder andere Vorarlberger Multifunktionär: Er wurde zum Kommerzialrat und zum Ehrenbürger von Dornbirn (1960) ernannt. Weiters erhielt er das Große Goldene Ehrenzeichen für die Verdienste um die Republik Österreich – „jenes Staates also, dessen Auslöschung er betrieben hatte“, so Pichler. 1964 widmete ihm die Gesellschaft der Vorarlberger Münzfreunde eine eigene Münze.

Hermann Rhomberg verstarb 1970 nach längerer Krankheit.

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Hermann Rhomberg (links) 1961 bei der Auszeichnung mit dem Verdienstkreuz erster Klasse des deutschen Verdienstordens. Neben ihm: Julius Wachter (c) Vorarlberger Landesbibliothek/Stadtarchiv Bregenz https://pid.volare.vorarlberg.at/o:313154

Thekla Weissengruber: Der Austrian Look. Facetten eines Stils (146-169)

Die Unterscheidung zwischen angeblich überlieferungstreuen echten Trachten und Trachtenmode war und ist ein österreichisches Spezifikum. Das ließ einen Markt entstehen, der in erneuerte TrachtTrachtenmode und Folkloremode gegliedert wurde. Österreichische Folklore brachte es unter dem Begriff ‚Austrian Look‘ zu Weltgeltung. Als Erfinder des Begriffs gelten Marlen und Jochen Tostmann, die nach dem 2. Weltkrieg einen florierenden Absatzmarkt für ihre Kollektion in Amerika fand. Thekla Weissengruber, Leiterin der Sammlung Volkskultur und Alltagskultur am Oberösterreichischen Landesmuseum Linz gibt Einblick in diesen Markt, der sich um das Phänomen Austrian Look entwickelte. 

Ursprung des Heimatwerks 

Den Ursprung verortet sie in der Trachtenpflege und der angewandten Volkskunde, die zum einen von der Art- and-Crafts-Bewegung und zum anderen von der skandinavischen Hausfleiß-Bewegung inspiriert waren. Einer der ersten österreichischen Volkskundler war Viktor von Geramb (1884 – 1958). Er richtete schon 1917 am Grazer Volkskundemuseum eine sogenannte volkskundliche Verkaufsstelle ein, in der eine Auswahl von Nachbildungen der im Museum ausgestellten ‚Originale‘ steirischer Volkskunst verkauft wurden. Eine Idee, die sich später zum Heimatwerkweiterentwickeln sollte. Geramb bezog von Anfang an die Stoffindustrie in die Förderung und Belebung handwerklicher Traditionen ein. 

Weltweites Phänomen

Den Aufschwung des Austrian Look datiert Weissengruber in die 1960er Jahre, als Dirndlkleider aus preiswerten synthetischen Stoffen im Trend lagen. Ende der 1960er Jahre ging man zunehmend zu Kostümen und Rock-Blusen-Jacken-Ensembles über und zitierte auch folkloristische Traditionen anderer Kulturen. Legendär der Edelbäuerinnen Look von Yves Saint Laurent 1976. Einen historischen Moment erlebte der Austrian Look 1979, als die Herausgeberin der amerikanischen Vogue, Diana Vreeland, im New Yorker Metropolitain Museum die Ausstellung Fashions of the Habsburg Era kuratierte. 1980 gab es auf den Pariser Laufstegen eine Flut von österreichischer Alpenfolklore. Die Trachtenmodebranche erlebte einen Aufschwung und 1984 engagierte der Salzburger Hersteller Gössl den österreichischen Designer Helmut Lang für das Design der neu zu schaffenden Kollektion Fallwick

Franz M. Rhomberg, der Spezialist für Folklore-Stoffe suchte nach 1980 nach neuen Impulsen für das Design seiner Dirndlstoffe und stellte den Schülerinnen der Modeschule Hetzendorf Baumwolldrucke zur Verfügung. Diese inspirierten sich an aktuellen Trends und fertigten u.a. Overalls aus den kleingemusterten Stoffen. 

Simone Egger: Dirndl und Lederhosen. Zur Kostümgeschichte der modernen Tracht. (S. 118-145)

Die Münchner Ethnologin Simone Egger setzt sich in ihrem Beitrag kritisch mit der Fachgeschichte und der generellen Definition von Tracht auseinander. Dabei geht sie vom Begriff Kostüm aus. Dieser wurde laut Reclams Mode- und Kostümlexikon in der Zeit nach der französischen Revolution von (historischer) Kleidung und Tracht der verschiedenen Völker in den verschiedenen Epochen abgeleitet. Ab dem 20. Jht bezeichnete Kostüm Verkleidung und Maskenanzug sowie Bühnenkleidung. Des weiteren werde in Reclams Mode- und Kostümlexikon auch über Tracht im Sinne von Verkleidung nachgedacht. 

Eine Erfindung der Volkskunde

Egger ortet darin einen geringschätzenden Ansatz, der auch in der medialen Debatte um Dirndl und Lederhosen immer wieder auftauche und vorwiegend als Stilmittel der Distinktion diene. Genährt wurde und werde diese Debatte von der volkskundlichen Forschung, die das Mythos Tracht etabliert hat – und die ‚traditionelle‘ Tracht mehr oder weniger erfand. Eine Position, in der sich Egger auf den Historiker Eric Hobsbawm bezieht. Denn Menschen seien in der Vergangenheit weit diverser gekleidet gewesen, als von den Nachfahren angenommen. Zudem habe weder die Trachten- noch die Kostümkunde hinreichend berücksichtigt, dass auch die Bestimmungen dessen, was Tracht ist und wie Tracht aussehen soll, einem modischen Wandel unterliegen. Das Dirndl, das in den 1870er Jahren als eine Art Feriengewand für die Sommerfrische entstand, habe von Anfang an eine Gestimmtheit zum Ausdruck gebracht und sei in seiner Gestaltung – ausgehend von einem Grundschnitt – stets den Moden gefolgt, so Simone Egger. 

Eindeutige Verortung

In den 1930er Jahren entdeckte das nationalsozialistische Regime, das Dirndl für sich und etablierte das Prinzip der eindeutigen Verortung. Auch jede Form von Transfer wurde verboten. Es war laut Dirndlnotverordnung verboten, andere Trachten zu tragen, als jene der Orte, in denen man beheimatet ist. Nichtariern war es ab 1938 per Gesetz verboten, sich in Trachtenkleidung zu zeigen. 

Auch in der Nachkriegszeit wurde Folklore identitätsstiftend und zur Verklärung der Vergangenheit verwendet. Franz M. Rhomberg stellte noch 1981 ein Rheintalerdirndl und ein Großwalserdirndl in seinem Dirndlheft vor, das Schnittmusterbögen enthielt und zum Selbstschneidern anregen sollte. Der Text lautete folgend: „Aus dem Rahmen fallen Sie in einem trachtenechten Dirndl nie. […| Für schöne Sommertage empfehlen sich Dirndl aus Baumwolle, kleingemustert in warmen Naturtönen gehalten, behutsam aufgeputzt. Ganz so wie es seinerzeit für die Trachten in den Talschaften der Brauch war“.  

Nachkriegszeit in Bayern

Die bayrische Variante des Dirndls ist hingegen nicht mit spezifischen Regionen und historischen Trachtennarrativen verknüpft. Gleichwohl werde im öffentlichen wie medialen Diskurs immer wieder die Frage nach der Authentik von Dirndlmodellen gestellt. Eine ausdrückliche Verknüpfung von Oktoberfest und Trachtenkleidung datiert in das Jahr 1968 zurück, als die Firma Lodenfrey in München dafür warb. Jedoch trugen schon 1957 Stewardessen der deutschen Fluglinie Lufthansa während dem Oktoberfest erstmals Dirndl. Weltweites Aufsehen erregte die Uniform der 150 Hostessen der Olympiade 1972: Die Frauen trugen ein hellblau/weiß gemustertes Dirndl aus der Serie Veronika von Franz M. Rhomberg. Der Rock des Dirndls war kurz!

Plädoyer für eine kulturanalytische Perspektive

Egger plädiert in ihrem Beitrag für eine gesamtheitliche Erforschung der Tracht(en)mode. Die Kostüm- und die Trachtenkunde seien bloß Teilwissenschaften, so lange nur Konstruktionen und Repräsentationen abgebildet werden und Aspekte wie Alltag, Individuen und modischer Wandel nicht einbezogen werden. 

Aus kulturanalytischer Perspektive sei jedoch evident, wie sehr der Umgang mit moderner Tracht von der jeweiligen Zeit geprägt und an soziokulturelle oder auch politische Entwicklungen geknüpft ist. Egger: „Trachten sind Medien, über die Deutungshoheiten verhandelt werden, viele Debatten gehen in einem Diskurs auf. Eine entsprechende Auseinandersetzung mit alltäglichen Gegenständen wie Kleidung, Mode, Tracht führt weit über den zunächst beschreibenden Kern einer historischen Trachtenforschung hinaus.“    

Hildegard Suntinger

Hier finden Sie den Link zur Ausstellung im Stadtmuseum Dornbirn.

Angaben zum Buch:

Zudrell, Petra, Zink, Margarete (Hg.) (2021): Ware Dirndl. Austrian Look von Franz M. Rhomberg. Residenz Verlag, Wien/Salzburg;

1 Kommentar zu „Ware Dirndl – das Buch zur Ausstellung“

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