Die Tracht zwischen Mythos und gesellschaftlicher Praxis

Das Buch Tracht – eine Neuerkundung, zeigt, wie sehr die alpenländische Tracht(enmode) ein Mythos ist – genährt von der romantischen Vorstellung einer vorindustriellen bäuerlichen Gesellschaft, die noch intakt war. Historische Abhandlungen, Gegenwartsberichte und zeitgenössische Positionen von Europäischen Ethnolog*innen beschreiben die Kluft zwischen dem verklärenden Mythos und der gesellschaftlichen Praxis.

Das Buch erschien parallel zur gleichnamigen Ausstellung, die 2020 im Tiroler Volkskunstmuseum in Innsbruck lief. Tirol spielt in der kulturpolitisch erwünschten Version der Geschichte der Tracht oder richtiger Trachtenmode, gewöhnlich nicht die erste Rolle. Der größte Ruhm kommt vielmehr der Stadt Salzburg zu, die das Phänomen mit den  Salzburger Festspielen und der Trapp Familie aus der erfolgreichen Kinoverfilmung The Sound of Music weltweit bekannt gemacht haben.

Tirol hat die Folklorisierung der Tracht vorangetrieben und verfolgte dabei seit Ende des 19. Jahrhunderts die Idee der regionalen oder der Talschaftstracht.

Foto oben: (c) Johannes Plattner

Tracht als Denkstil

Die Ausstellung und das begleitende Buch knüpfen allerdings an die Volkskultur-Debatte oder auch Ploner-Debatte an, die 2011 in Gang kam und zu einer wissenschaftlichen Aufarbeitung der ‚organisierten Volkskultur’ in Tirol und Südtirol in der NS-Zeit führte. Seither erschienen Studien, in denen Tracht weniger als Bekleidungsstil als als „Denkstil“ und „mächtige soziale Praxis“ beschrieben wurde. Der Forscher Reinhard Bodner schreibt in seinen Vorbetrachtungen von einem „Denkstil, der den Blick auf die Vielfalt von Kleidung und Mode einschränkt“. Er selbst leitete das Forschungsprojekt Tiroler Trachtenpraxis im 20. und 21. Jahrhundert, das in einer Kooperation der Universität Innsbruck und der Tiroler Landesmuseen durchgeführt wurde. Ziel war es vor allem die Wissenslücken in Biographie und Wirkungsgeschichte von Gertrud Pesendorfer (1895-1982) zu schließen.

Volkskultur-Debatte

Pesendorfer war im zweiten Weltkrieg die geschäftsführende Leiterin des Volkskunstmuseums und Reichsbeauftragte für die Trachtenarbeit. Dabei hatte sie den Auftrag, die Tracht zu erneuern, um sie für die breite Bevölkerung wieder tragbar zu machen. Mit Kriegsende verlor sie zwar alle ihre Ämter, wirkte aber weiter und stieg zur „Doyenne des Tiroler Trachtenwesens“ auf so die Journalistin Susanne Gurschler. 1966 veröffentlichte Pesendorfer das Buch Lebendige Tracht in Tirol, das 1982 neu aufgelegt wurde. Erst nach ihrem Tod wurde ihre Arbeit von Europäischen Ethnologen zunehmend kritisch betrachtet.

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2013 wurde das Buch vom Markt genommen. Anlass war die Volkskultur-Debatte, in welcher der Historiker Michael Wedekind darauf aufmerksam machte, dass in Nord- und Südtirol aktive Einrichtungen, Vereinigungen und Verbände im Trachtenwesen „weithin – bisweilen energische –  Träger und Multiplikatoren eines nationalistisch unterfütterten Wertezusammenhangs sind oder in diesem ideelle Verankerung finden“.

Gertrud Pesendorfer

Pesendorfer arbeitete ab 1927 am Museum für tirolische Volkskunst und Gewerbe, wo sie einen Trachtensaal mit Figurinen des Bildhauers Virgil Rainer (1871-1948) gestaltete. Eine dieser Figurinen ziert das Ausstellungsplakat. Die Figurine trägt Pelzstola und Seidenmantel – Teile der vornehmen und teuren Tracht der Lechtalerin aus der Zeit von 1830 bis 1900. In dieser Zeit war der Seiden- und Tuchhandel für die Bevölkerung im Lechtal eine sehr wichtige Einnahmequelle und das spiegelte sich auch in der Kleidung der Bevölkerung.

Mit diesem Beispiel weist Bodner darauf hin, dass die sogenannte Tracht immer auch zeitgenössischen Einflüssen unterlegen war.

Figurine „Lechtalerin“ mit den Gesichtszügen Gertrud Pesendorfers aus dem Trachtensaal des Tiroler Volkskunstmuseums, geschnitzt von Virgil Rainer (1871 – 1948), ca. 1928 (c) Wolfgang Lackner

Identitätskonzept

Die Figurine birgt aber noch mehr Informationen: sie trägt nämlich die Gesichtszüge von Pesendorfer, die keine Lechtalerin war. Damit verstieß sie gegen die Regel, die sie selbst später unter den Nationalsozialisten aufstellen sollte, nämlich, dass jeder nur die Tracht seiner Herkunft tragen darf. Wie kam es dazu?

Der Bildhauer Virgil Rainer, der die Trachtenfigurine geschnitzt hatte, porträtierte gerne Personen, die ihm „in Gestalt, Haltung, Gebärde, Gesichtsform und Gesichtsausdruck, Händen und Blick typisch für dieses oder jenes Tal zu sein schienen, als wären sie (…) Repräsentanten eines Menschenschlags“ (Tiroler Anzeiger, 6.9.1929, S. 11). Eine „ethnisierende Perspektive auf Kleidung“, wie Bodner anmerkt.

Der Bildhauer Virgil Rainer porträtierte gerne Personen, die ihm „in Gestalt, Haltung, Gebärde, Gesichtsform und Gesichtsausdruck, Händen und Blick typisch für dieses oder jenes Tal zu sein schienen, als wären sie (…) Repräsentanten eines Menschenschlags“.

Tiroler Anzeiger, 6.9.1929, S. 11

Dieses Konzept hielt Rainer aber nicht durch. Manchmal porträtierte er auch Personen mit einem Bezug zum Museum, wie eben Pesendorfer.

Die Einstellung, dass man nur die Tracht seiner Herkunft tragen darf, wird übrigens in Tiroler Trachtennähkursen nach wie vor vertreten. Davon zeugt der Beitrag von Nadja Neuner-Schatz, Europäische Ethnologin an der Universität Innsbruck, die im oben genannten Forschungsprojekt eine Feldstudie in teilnehmender Beobachtung durchführte. Die Rede vom ‚Verwurzeltsein’ verweise dabei auf ein spezifisches Identitätskonzept, das sich schon im späten 19. Jahrhundert finde und in dem man von einer Differenz im Typus der Bevölkerung der verschiedenen Landesteile ausgehe.

Talschaftstrachten

Ab 1929 wurde das Volkskunstmuseum vom Kunsthistoriker Josef Ringler (1893 – 1973) geleitet, der, gemeinsam mit Pesendorfer, möglichst einheitliche Taltrachten einführen wollte. Zu diesem Zeitpunkt hatten die drei jüdischen Kaufhäuser Bauer-Schwarz, Schulhof und Stiassny & Schlesinger aus der Tracht bereits einen Konfektionsartikel gemacht, ein Kleid für die ‚Sommerfrische‘. Ringler und Pesendorfer fanden es skandalös, wie die „bodenständige Tracht durch „theatralisch wirkende Älplerkostüme“ entfremdet und entehrt werde (Ringler, 1936). Das Vorbild für ihre eigene Arbeit fanden sie in dem Grazer Volkskundler Viktor von Geramb (1885-1958) der sich als erster Österreicher wissenschaftlich mit Tracht beschäftigte.

Trachtenverbot für Jüdinnen und Juden

1932 wurde Pesendorfer vom Volkskunstmuseum gekündigt. Nach eigenen Angaben, weil sie den  illegalen Nationalsozialisten zugehörig war. Im autoritären Ständestaat war Nationalsozialismus verboten. Lederhose, weiße Stutzen und ein speziell angenähter Hemdknopf waren Erkennungszeichen der Illegalen, schreibt Ulrike Kammerhofer-Aggermann, die Leiterin des Salzburger Landesinstitut für Volkskunde in ihrem Beitrag. 

Im autoritären Ständestaat war Nationalsozialismus verboten. Lederhose, weiße Stutzen und ein speziell angenähter Hemdknopf waren Erkennungszeichen der Illegalen.

Ulrike Kammerhofer-Aggermann, Leiterin des Salzburger Landesinstitut für Volkskunde

Unter den Nationalsozialisten mussten die jüdischen Kaufhäuser schließen und den Jüdinnen und Juden in Tirol und Vorarlberg wurde per Verordnung des Landeshauptmanns vom 10. August 1938 das „Tragen von Landestrachten oder auch das Tragen von Kleidungsstücken, die als Bestandteile von Landestrachten anzusehen sind, wie beispielsweise Lederhosen und Dirndlkleider verboten“.

Das Volkskunstmuseum als Trachtenwerkstatt

Ab März 1939 betreute Pesendorfer im Gau das „Sachgebiet für Volkstum-Brauchtum bei allen Parteistellen“ und wirkte als Trachtenberaterin und –jurorin. Am Volkskunstmuseum wurde eine eigene Trachtenwerkstätte betrieben, die Aufträge von Parteifunktionären und –organisationen, Privatpersonen und der Gastronomie annahm.

Einzelblätter aus dem Buch „Neue Deutsche Bauerntrachten: Tirol“ (Anfang 1938) von Gertrud Pesendorfer, abgeheftet mit dazu passenden Stoffproben, 1938 – 1945 (c) Johannes Plattner

Mit ‚der Option der Südtiroler Bevölkerung für Italien oder das Deutsche Reich’, erhielt Pesendorfer zusätzlich den Auftrag, die Südtiroler Trachten zu erneuern. Die für Deutschland Optierenden sollten ihre Entwürfe als lebendigen Teil ihrer Kultur in die ’neue Heimat’ mitnehmen können.

Kurz vor Kriegsende soll sie einen Teil der Hinterlassenschaften der NS-Zeit im Keller verbrannt haben.

Generalisierung der Südtiroler Tracht

Ihre Entwürfe zur erneuerten Südtiroler Tracht blieben über das Kriegsende hinaus populär und sind es zum Teil bis heute. Helmut Rizzolli, Historiker und Ökonom an der Universität Innsbruck, merkt in seinem Beitrag an, dass der Generalisierung bei der Schaffung der Talschaftstrachten viele lokale Unterschiede zum Opfer gefallen seien.

Rizzolli engagiert sich für die ehrenamtlich tätige Arbeitsgruppe Unsere Tracht, die sich mit der Erforschung und Wiederbelebung sowie der Pflege historisch belegter Volkstrachten im Alttiroler Raum beschäftigt.

Folklorisierung der Tracht

Die Publikumswirksamkeit regional geprägter Kleidung hatte sich schon im ausklingenden 19. Jahrhundert gezeigt. Bei den alljährlich am 18. August, zum Geburtstag des Kaisers Franz Josef I. (1830 –1916), stattfindenden Veranstaltungen traten die Schützen und Musikkapellen in ‚Nationaltracht’ auf. Das veranlasste die Sommergäste länger zu bleiben.

Darüber berichtet Claudia Selheim, Leiterin der Sammlung Volksunde, Spielzeug und Judaica am Germanisches Nationalmuseum in Nürnberg in ihrem Beitrag. Erste Initiativen sind in der gemeinderätliche Kommission zur Hebung des Fremdenverkehrs in Innsbruck dokumentiert, die 1888 gegründet wurde. Ab 1892 lief die Initiative unter dem Landesverband für Fremdenverkehr in Tirol, die ein Jahr darauf auch das Comité zur Erhaltung der Volkstrachten in Tirol ins Leben rief.  Das Comité prüfte charakteristische Trachten auf Qualität und Vollständigkeit, beglaubigte die Echtheit und approbierte die Zusammenstellungen. Außerdem subventionierte es Schützengesellschaften und Musikkapellen, wenn sie Tracht trugen. Anhaltspunkte bildeten vom Comité beauftragte Fotografien und Aquarelle. Diese Fotos und Aquarelle wurden auch von Sammlern und Museen zu Studien- und Dokumentationszwecken genutzt. Festzuhalten ist, dass die Autorisierung von Laien vorgenommen wurde.

Schuber mit Fotografien des Innsbrucker Volkstrachtenfestes 1894, aufgenommen von Anton Köprunner (1860 – 1928) (c) Johannes Plattner

Wirtschaftliche Interessen

Die Suche nach einer ‚ursprünglichen Ästhetik’ führte bald zu einer  Festschreibung von Tiroler ‚Regionaltypen’. Die volkskundliche Beschäftigung war allerdings mit wirtschaftlichen Interessen verwoben, weil Firmen mitwirkten, die Trachtenstoffe herstellten, Trachten verliehen und Trachtenstücke verkauften. Das stellt u.a. der Kulturwissenschaftler Konrad J. Kuhn in seinem Beitrag fest: „Hier ging es durchaus auch um handfeste Interessen und nachträglich allzu oft ausgeblendete wirtschaftliche Nutzungen, nicht nur im Bereich des Tourismus. Tracht als schönes und schönstes Kleid ermöglicht also nicht zuletzt Arbeit und Verdienst,“ so Kuhn.

Tracht als schönes und schönstes Kleid ermöglicht also nicht zuletzt Arbeit und Verdienst.

Konrad J. Kuhn, Europäischer Ethnologe, Universität Innsbruck

Reproduktion des Mythos

Aber auch in der Wissenschaft festigte sich ein starres Bild von der  ‚Volkstracht’. Die Münchner Kulturwissenschafterin Simone Egger führt dies auf die ‚Arbeitsteilung’ zurück. Während die Beforschung der Tracht durch die Volkskunde erfolgt, obliegt die Beforschung der Mode der Kunstgeschichte und der Soziologie. Die unterschiedlichen wissenschaftlichen Blickwinkel haben zu einem wechselseitigen Ausschluss geführt und modische Erscheinungen wurden nur mit der Mode aber nicht mit der Tracht in Verbindung gebracht. Beschrieben wurden Idealbilder wie sie auch in der Gegenwart noch gezeigt werden. Dadurch werden stetig Bilder reproduziert, die das Mythos einer ursprünglichen Ästhetik aufrechterhalten, so Egger.

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Sexualisierung von Tracht

Egger ortet auch in Pesenhofers Arbeit  für die Nationalsozialisten modische Einflüsse. Mehr als das, habe diese die Erfolgsmodelle von Wallach in München und Lanz in Salzburg übernommen, so die Hypothese der Kulturwissenschafterin.

Beide hatten das steife und schwere Kleidungsstück von unnötigem Ballast befreit, so dass es zum beliebten Sommerkleid von Touristen werden konnte. Die jüdische Firma Wallach musste in den 1930er Jahren unter dem Druck der Nationalsozialisten aufgeben und Lanz erhielt die Auflage, nicht mehr an jüdische Sommergäste zu verkaufen.

Damit widerlegt Egger das Postulat der Südtiroler Philosophin und Volkskundlerin Elsbeth Wallnöfer, welche die ‚leichte Erotisierung’ des Dirndls mit weißer Bluse und enger Taille auf Pesendorfer zurückführe. Egger: „Sexualisierung von Tracht drückt sich vor allem durch eine gesellschaftliche Haltung aus und nicht über den Vergleich der Schnitte.“

„Sexualisierung von Tracht drückt sich vor allem durch eine gesellschaftliche Haltung aus und nicht über den Vergleich der Schnitte.“

Simone Egger, Europäische Ethnologin, Universität München

Missbrauch der Tracht

Im Kontext von geschichtlichen Abhandlungen, erhält in dem Buch auch die titelgebende Neuerkundung der Tracht ihren Raum. Der Europäische Ethnologe Timo Heimerdinger, der an der Universität Innsbruck forscht, untersucht in seinem Beitrag die verbreitete Anschuldigung des Missbrauchs von Tracht, die immer dann auftauche, wenn die Ernsthaftigkeit und Authentizität des Trachtenträgers in Frage gestellt wird – z.B. wenn er oder sie die Tracht bei Volksfesten als Partydress nutzt.

Die „Trachtenbarbies“ wurden von Ruth Ritzenfeld mit selbstgefertigten Kleinst-Trachten bekleidet. (c) Wolfgang Lackner

„Die verbreitete Anschuldigung des Missbrauchs von Tracht, die immer dann auftaucht, wenn die Ernsthaftigkeit und Authentizität des Trachtenträgers in Frage gestellt wird.“

Timo Heimerdinger, Europäischer Ethnologe, Universität Innsbruck

Heimerdinger sieht hierin eine „vermenschlichende Geste“ „Ganz so, als ob diese Kleidung wie ein Lebewesen einer ganz bestimmten Behandlung oder Verwendung bedürfe oder diese gar beanspruchen könne. „Nur unter dieser Prämisse wird überhaupt denkbar, was dann bisweilen sogar als Missbrauch gegeißelt wird: der angeblich Legitimitätsgrenzen verletzende Gebrauch von Trachten außerhalb des von einigen Trachtenanhängern als angemessen und korrekt erachteten Rahmens,“ so der Ethnologe.

Legitimitätsurteile

Dabei stellten sich zwei Fragen: Was bedeutet es, wenn jemand Tracht trägt oder nutzt? Und wer maßt sich mit welchen Argumenten an, Legitimitätsurteile zu fällen? Immer wieder sind es Politiker. Heimerdinger erklärt dies durch die unmittelbare Nachbarschaft der Trachtenthematik zu politischen Fragen – aufgrund ihrer “spezifischen Verknüpfung von räumlichen und sozialen Ordnungsvorstellungen“.

Wobei die Urteile kontextspezifisch unterschiedlich ausfallen. So werde Angehörigen anderer Ethnien oft das Recht abgesprochen, Tracht zu tragen. Gehe es aber darum, deren Integration zu beweisen, werden sie demonstrativ in Tracht gezeigt. Darüberhinaus sei es auch ein allzu freier Umgang mit der Kleidungsordnung, der die Kritiker auf den Plan rufe und die Ernsthaftigkeit der Betroffenen in Zweifel zieh, so Heimerdinger.

Widersprüchliche Zuschreibungen

Simone Egger definiert Tracht als Kategorie, die durchaus Diverses meinen kann – vorzustellen als Gegenstand, der von verschiedenen Akteur*innen gleichzeitig mit widersprüchlichen Zuschreibungen belegt werden kann. Zeugnis dafür sei eine Gegenwartsgesellschaft, in der Tracht von Vertretern verschiedener politischer Lager getragen wird, wenngleich die Aussage, die damit getroffen werden soll, durchaus variiere. Zur Schau gestellt werde in jedem Fall das Wissen um die potenzielle Fähigkeit zur Identifizierung, die auch noch in der Gegenwart mit der Tracht einhergehe. Aber für die einen stehe das Dirndl für gelebten Kosmopolitismus und Offenheit, für den anderen signalisiere es Traditionsbewusstsein und für den nächsten sei es ein kultureller Marker, der ‚anderen’ nicht zugänglich sein darf.

„Für die einen steht das Dirndl für gelebten Kosmopolitismus und Offenheit, für den anderen signalisiert es Traditionsbewusstsein und für den nächsten ist es ein kultureller Marker, der ‚anderen’ nicht zugänglich sein darf.“

Simone Egger, Europäische Ethnologin

Moment des Coolen

„Es geht in der fortschreitenden Moderne nicht allein darum, dass die Konservativen oder die Rechten in Dirndl und Lederhosen ein konservatives oder gar kulturell rassistisches Weltbild beschwören wollen, es ist das Moment des Coolen, des Popkulturellen, das Begehrlichkeiten weckt – um in der Konsequenz selbstverständlich auch konservative politische Inhalte zu transportieren“, schreibt Egger. Beispielgebend seien die Designerinnen Lena Hoschek, Susanne Bisovsky und Lola Paltinger. die für eine zeitgenössische avantgardistische Interpretation von Folklore und Trachtenmode stehen. Die drei haben sich seit den Nullerjahren in diesem Feld etabliert.

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Widerstand gegen die geraubte Tradition

Gleichzeitig stellen sich auch junge Frauen die Frage, ob die weltoffene Frau noch Dirndl tragen darf. Die drei Aktivistinnen Christa Reitermayr, Lale Rodgarkia-Daria und Ulli Weish sehen in der politischen Vereinnahmung der Tracht durch die Nationalsozialisten eine geraubte Tradition und wollen sie wieder zurückgewinnen – auf friedliche Art. Sie treffen sich regelmäßig mit Interessent*innen zum Sticken. Als Medium nutzen sie die Dirndlschürze, die sie mit Botschaften wie ‚Never let the fascists have the Dirndl’ besticken.

Schürze der Aktivistinnen Reclaim the Dirndl (c) Johannes Plattner

Gender Aspekt von Tracht

Last but not least verweist Konrad J. Kuhn auf die körperliche Wahrnehmung von Geschlecht durch Tracht. Den Beleg für den ambivalenten Bezug zur weiblichen Sexualität ortet er im tiefen Dirndlausschnitt, der eine Sexualisierung bedeute. Gleichzeitig sei auch eine Tabuisierung der weiblichen Sexualität zu beobachten. Nämlich dann, wenn ein Brusteinsatz oder Vorstecker die weibliche Brust verschnürt und verdeckt. Als Beispiel nennt er die Appenzeller Festtagstracht für Frauen.

Eine besondere Herausforderung bahne sich mit dem Gender Aspekt von Tracht an, weil diese, so Kuhn, mit einer der machtvollsten sozialen Konstruktionen überhaupt verbunden sei: der Behauptung und Herstellung eines zweigeschlechtlichen Gegensatzes von Mann und Frau. „Tracht macht (…) Geschlecht, ordnet auch hier zu, vereinheitlicht allenfalls Uneindeutiges und verunmöglicht letztlich ein Dazwischen.“

Frauentracht aus dem Alpbachtal, ca. 1800–1850, und erneuert von Pesendorfer, ca. 1935–1940 (c) Wolfgang Lackner

Zum Buch:

Tracht – eine Neuerkundung

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