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René Scheibenbauer: Wie man Kleidung wahrnimmt, wenn man sie trägt

Der in London lebende Modedesigner René Scheibenbauer hat oft das Gefühl, dass Kleidung nicht für reale Menschen gemacht ist – und keinen Bezug zu den Träger*innen hat. Er selbst möchte Kleidung mehr Tiefe geben – und persönlichen Stil. Um das zu erreichen, entwickelte er einen originären Designprozess, der auf kollaborativer Kooperation aufbaut. Ikonisch sein Empathy Jacket, das Träger*innen zur Introspektion einlädt.

René Scheibenbauer wuchs in St. Pölten auf und besuchte die Modeschule Hetzendorf, bevor er in Studium an der Central Saint Martins in London aufnahm. Er schloss seinen Master 2018 ab und erhielt für seine Abschlusskollektion Empathy, Connection, Play den zweiten Preis des L’Oréal Professionel Young Talent Award. Zwei Jahre später lud ihn die Künstlerin Anthea Hamilton zu einer Gastvorlesung ein.

Der Erfolg des queren Modedesigners baut auf seinem originären Designprozess auf. Er führt Workshops mit seiner Community durch, um deren Beziehung zu ihren Kleidern zu erforschen. Was ihn interessiert, sind abstrakte Emotionen, die sich leichter in Bewegungen als in Worten ausdrücken lassen. Im folgenden Interview erläutert René Scheibenbauer seine unkonventionelle Annäherung an Modedesign: 

Design René Scheibenbauer (c) Benjamin Mallek

Wurde deine Arbeitsweise im Studium angeregt? 

An der Central Saint Martins standen Dinge dieser Art nicht im Vordergrund. Ich hatte schon zuvor einen explorativen Zugang zu Modedesign. An der Modeschule Hetzendorf in Wien wurden wir in den Fächern Ethik/ Philosophie und Kunst- und Modegeschichte unterrichtet. Das regte mich zu tiefergehenden Recherchen an – und ich ging einmal pro Woche ins Kunsthistorische Museum. Damals wollte ich herausfinden, wie Mode, Design, Kunst, Ästhetik, et cetera mit zeitgenössischen Themen aus Politik, Technologie, Natur oder diversen Ereignissen verbunden waren oder diese widerspiegelten. 

Durch meinen Umzug nach London hat sich mein Umfeld dann stark verändert und ich musste andere Anregungen und Inspirationsquellen finden. Aber mein Interesse an Modedesign, das die zeitgenössischen Erscheinungen widerspiegelt, blieb bestehen. Dabei wuchs das Bedürfnis, meine Inspirationen durch eigene Recherche zu erarbeiten – und durch Impulse aus der Kollaboration mit meinem direkten Umfeld. So entstand die Idee, die kreativen Stories zu meinen Kollektionen in Workshops mit meiner Community zu erarbeiten. 

Design René Scheibenbauer (c) Benjam Mallek

Beziehst du dich in deiner Herangehensweise auf das Social Design das in Architektur und Möbeldesign angewendet wird?

Es kommt irgendwie rein. Aber ich weiß nicht, ob der Vergleich zulässig ist. Als ich die Empathy Jacket entwickelt habe, integrierte ich ein abstraktes Element, das mit dem Kleidungsstück verbunden ist. Die Jacke kann zu zweit getragen werden. Indem die Träger*innen dieses abstrakte Element in der Interaktion und durch Bewegung und Tanz erforschen, setzen sie sich mit sich selbst auseinander und betreiben Introspektion. 

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Sind das überraschende Erkenntnisse, die du aus deiner Arbeit im Kollektiv ziehst?

Ich arbeite mit meiner Community, also mit Freunden und Bekannten, von denen ich oft schon weiß, wie sie sind und mit welchen Dingen sie sich beschäftigen. Dadurch sind die Erkenntnisse nicht vollständig überraschend. Auch ist mein Forschungsfokus vorab definiert, das heißt, ich möchte ganz bestimmte Dinge erforschen, wie zum Beispiel neue Farben, wo und wie Kleidungsstücke getragen werden können oder was von welchem Gender getragen werden kann. Durch die vielen Informationen, die ich im Workshop bekomme, gelingt es mir, Kleidungsstücke zu entwickeln, die man den ganzen Tag über und für verschiedene Aktivitäten tragen kann. All dem liegt der Utility Aspekt zugrunde, mit dem ich mich erst nach dem Studium beschäftigt habe, als ich erkannte, dass Workwear allgegenwärtig ist. 

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Design René Scheibenbauer (c) Benjamin Mallek

Wie laufen diese kollaborativen Workshops ab?

Es ist eine Emotion, die ich erforschen will, woe z.B.: feeling grounded – und welche Kleidungsstücke mit dieser Emotion assoziiert werden. Die zu erforschende Emotion und die Kleidungsstücke werden dann mit Tanz verbunden. Wobei die Emotion nicht für sich steht, sondern mit den Dingen einhergeht, die gerade relevant sind, für den Performer. Im letzten Workshop war es eine romantische Idee von einem Date mit sich selbst und die Performer sollten sich damit auseinandersetzen, was sie dazu tragen wollen. Bei einem normalen Date würde man sich so kleiden, wie man vom Gegenüber gesehen werden will, bei einem Date mit sich selbst ist das anders. 

Das sind soziale Fragen, die auch mit meiner Übersiedlung nach London zusammenhängen – und damit, dass ich im ersten Jahr ein Gefühl von Bodenlosigkeit hatte. Damals habe ich Meditation und Tanz als therapeutische Mittel entdeckt. Ich arbeite also mit Dingen, die ich selbst praktiziere.  

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Design René Scheibenbauer (c) Benjamin Mallek

Wie man Kleidung wahrnimmt, wenn man sie trägt, ist etwas, worüber man eigentlich nicht spricht. Aber genau das interessiert mich. Ich möchte herausfinden, wie sich Menschen in Kleidung fühlen, wie sich die Materialien anfühlen – und die Weite oder die Enge. 

René Scheibenbauer

Was stört dich an konventionellen Designprozessen?

Konventionelle Designprozesse in der Mode bestehen aus dem Kopieren von Stilen – Stile aus vergangenen Ären und von anderen Designern. Das Ergebnis sind Collagen aus vergangenen Epochen. Meine eigene Kollektion sollte persönlicher werden und von eigenen Erlebnissen, Emotionen und Interaktion handeln.

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Das klingt nach Produktdesign?

Es ist so, das ich mich vor meiner Modeausbildung in London weniger in Modemagazinen als im Online-Design-Medium Dezeen informiert habe. 

Aber in meiner Ausbildung wollte ich dann etwas Neues entwickeln – und das nicht aus mir selbst heraus, sondern von anderen Aspekten kommend und neuen Nutzen bringen. Das war mein Zugang. So entstand die Idee, meine Kollektionen in Workshops zu entwickeln, um so interaktiv und mit anderen Menschen arbeiten zu können und an authentisches Recherchematerial zu kommen. Wobei ich am Anfang Methoden aus der Kunsttherapie angewendet habe und erst später zu einer Form der natürlichen Interaktion über Bewegung übergegangen bin.

Die Drucke dieser Saison wurden von und mit der Künstlerin Anya Gorkova entwickelt, die Negativfilmstreifen mit Chemikalien veredelt. Sie arbeitet mit einem Prozess, in dem sie absichtlich nicht wirklich kontrolliert, was passiert.

René Scheibenbauer

2020 hat dich die Künstlerin Anthea Hamilton zu einer Gastvorlesung eingeladen. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Sie gab mir die Möglichkeit, bei der Vorbereitung eines ihrer Projekte zu assistieren. Anthea war sehr interessiert daran, wie ich meine Workshops halte und wie diese Workshops meine Arbeit informieren und leiten. Als sie die Open School East Associates 2020 leitete, lud Sie mich ein, dort meine Arbeit zu präsentieren und einen Workshop mit den Associates zu leiten.

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Design René Scheibenbauer (c) René Scheibenbauer

Was bedeutet dein Konzept im Hinblick auf die Gesellschaft?

Mit meiner Arbeitsweise möchte ich eine ehrliche Verbindung zwischen Träger und Kleidung entwickeln. Ich habe oft das Gefühl, dass Kleidung nicht für reale Menschen gemacht ist und keinen persönlichen Bezug zum Träger hat. Es fehlt die Tiefe. Durch meine Art der Recherche kann Kleidung persönlicher werden. Wie man Kleidung wahrnimmt, wenn man sie trägt, ist etwas, worüber man eigentlich nicht spricht. Aber genau das interessiert mich. Ich möchte herausfinden, wie sich Menschen in Kleidung fühlen, wie sich die Materialien anfühlen und die Weite oder die Enge. 

Wie ist dein Arbeitsstil im Modekontext zu verorten?

Interdisziplinäre Kollaborationen sind nicht so häufig im Modekontext und sind meist auf Projekte zwischen Künstler*innen und Designer*innen beschränkt. Ich entwickle die Kollektionen nicht allein, sondern in der Konversation und das ist ein untypischer Ansatz. In konventionellen Gestaltungsprozessen gibt es nur eine Konversation zwischen dem Stylisten und dem Designer.

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Nach welchem Prinzip entstehen die Druckdessins, die du verwendest?

Ich arbeite seit der Kollektion für Herbst/Winter 2021 mit der Künstlerin Anya Gorkova zusammen. Ihre Drucke entstehen auf Negativfilmstreifen und durch chemische Reaktionen. In diesem Entwicklungsprozess geht es darum, die Kontrolle loszulassen, im Moment präsent zu sein und Spontaneität zuzulassen. In diesen spielerischen fotografischen Erkundungen erkenne ich mein eigenes Designethos wieder.

Konzeptionelles Modedesign ist meist erklärungsbedürftig. Wie gehst du damit um?

Ich erzähle von meiner Recherche. Wobei es in meiner Kollektion auch Elemente und Details gibt, die eher modespezifisch sind, wie etwa Taschen. Es muss auch nicht immer Tanz involviert sein, aber ich möchte diesen Ansatz doch beibehalten. Außerdem möchte ich es den Nutzer*innen überlassen, wie man etwas tragen kann. 

Wie organisierst du den Vertrieb der Kollektion?

Ich arbeite mit einer Verkaufsagentin, die den persönlichen Kontakt zu den Händlern hält. Derzeit beliefere ich Händler in Tokyo und Los Angeles sowie einen Onlinehändler. Aber es ist immer noch schwierig mit den Mengen, da ich nach wie vor in London produziere und das ist sehr teuer. 

Wie reagieren Händler auf deine Kollektion?

Sehr gemischt. Oft höre ich, dass meine Kollektion zu teuer ist. Viele Händler wünschen sich auch eine größere Kollektion. 

Worum wird es in deiner kommenden Kollektion gehen?

Ich werde weiter in kollaborativen Kooperationen mit meiner Community kreieren. Der Fokus auf Tanz und aktive Elemente wird Teil des Designvokabulars bleiben – und ich werde weiter an Schnittkonstruktion und Materialien forschen. Inhaltlich sollen meine Modelle weiterhin einen dynamischen Raum darstellen, der Träger*innen im Alltag praktisch unterstützt und ihnen ermöglicht, ihre emotionelle Stimmung widerzuspiegeln.

Danke für das Gespräch.

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