studentische Arbeit aus dem dritten Jahr; (c) Salvatore Dragone

Zwischen Experiment und Angepasstheit

Die Abschluss-Show der Modestudenten der Universität für Angewandte Kunst 2019 war die letzte unter der Leitung von Hussein Chalayan. Der britische Designer folgte 2014 auf Bernhard Willhelm und war für seine sanfte Führung bekannt.

Ein Model schleift eine lebensgroße menschliche Stoffpuppe mit sich, ein anderes trägt eine zur Handtasche umfunktionierte Verpackung von Toilettenpapier unter dem Arm und ein drittes hat eine riesige Krawatte nicht nur um den Hals, sondern auch um die Hüften geschlungen und zieht den verbleibenden Stoff noch als Schleppe hinterher. Die Modestudenten der Universität für Angewandte Kunst in Wien haben künstlerische Freiheit und nutzen sie auch.

Angepasst

Trotzdem ähnelte die Show am 6. Juni 2019 mehr einer klassischen Modeschau als jene in den Jahren zuvor. Ein Grund dafür war die neue Location in der Expositur Vordere Zollamstraße 7. Das 1840 errichtete Gebäude wurde adaptiert und überraschte mit einem Atrium in kahlem Sichtbeton. In seiner Weitläufigkeit bot das Atrium einen beeindruckenden Hintergrund für die Show.

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Ein weiterer Grund lag in den Arbeiten der Modestudenten, die hohe Schuhe, betonte Taille, nackte Haut und – dezent – glamouröse Elemente wie Gold, Lack, Spitze, Transparenz und Brokat zeigten. Unter der Dominanz der belgischen Designer, welche die Modeklasse seit 2000 leiteten, hatten sich flache Schuhe und eine No Glamour-Attitude etabliert.

Pragmatisch

Chalayan übernahm die Leitung der Modeklasse 2014 und fünf Jahre danach scheint das Geschehen am Laufsteg klarer und subtiler als zuvor. Die Arbeiten junger Modeschaffender sind oft an einem zuviel an Ideen zu erkennen. Die aktuellen Kollektionen zeigen einen pragmatischeren Zugang und die Tendenz eine Idee über mehrere Modelle weiterzuspinnen, um so zu einer Linie zu finden –  die Voraussetzung für eine Kollektionsentwicklung.

studentische Arbeit aus dem ersten Jahr (c) Salvatore Dragone
studentische Arbeit aus dem ersten Jahr (c) Salvatore Dragone

 

Emanzipatorisch

Die Theorien der Modestudenten referieren weniger auf die Gesellschaft, als auf das Modesystem. Wobei die Bereiche nicht trennscharf sind. Aber eine Handtasche, die wie eine Packung Toilettenpapier wirkt, stellt eher das etablierte Modesystem in Frage als  gesellschaftliche Normen.

Vordergründig ist das Spiel mit den Geschlechterrollen, das diesmal auf den Anzug konzentriert war. In mehreren  Positionen wurde Form und Zusammenspiel von Anzug, Hemd und Unterwäsche hinterfragt. Eine feministische Perspektive wurde mit dynamischen Catsuits aus Lycra unter romantischen schürzenartigen Kleidern in Organdy eingenommen. Eine humorvolle Art die Gespaltenheit der Frau zwischen Familie und Karriere darzustellen.

Show 19; Arbeit der Diplomandin Valentine Déhan, (c) Salvatore Dragone
Show 19; Arbeit der Diplomandin Valentine Déhan; (c) Salvatore Dragone

Dekonstruktivistisch

Ein wiederkehrendes Thema ist Tabubruch. Das zeigt sich zum Beispiel in Kleidern, welche die weibliche Brust nur notdürftig verhüllen. Verursacht von einem etwas zu kurz geratenen Top wirkt das nicht absichtlich, sondern versehentlich. Ebenso wiederkehrend: dekonstruktivistische Annäherungen an Design – wie diese in den 1980er Jahren von Rei Kawakubo eingeführt wurden. Beispiele dafür sind ein Plastron, der einen Hühnerbrust-Effekt erzeugt und ein Schulteraufbau, in dessen Vertiefungen sich Trinkgläser transportieren lassen. Bei letzterem kommt zusätzlich Absurdes ins Spiel.

Intertextuell

Auch intertextuelle Referenzen auf Kollektionen bekannter Designer waren zu sehen. Die Variation von Anzugelementen erinnerte an Thom Browne NY. Transparente Plastikfolie war an eine der jüngeren Kollektionen von Chanel angelehnt, die noch unter Karl Lagerfeld entstanden war. Ein durchscheinender Umhang ließ an den Parka aus Organdy aus der ersten Kollektion von Virgil Abloh für Louis Vuitton im Juni 2018 denken. Auch ein paar Hosen in Zip-off -Version tauchten auf. Diese sind ikonisch für den scheidenden Leiter der Modeklasse Hussein Chalayan.

Show 19; Diplomandin Dalia Hassan; (c) Salvatore Dragone
Show 19; Diplomandin Dalia Hassan; (c) Salvatore Dragone

Kontextuell

Referenzen dieser Art werden in postmodernen Theorien als Zitate verstanden. Gleichzeitig sind sie symptomatisch für eine Generation, die das Geschehen permanent auf Instagram verfolgt. Durch das Internet haben sich Kreationsprozesse beschleunigt. Diese Geschwindigkeit verursacht ein auf den ersten Blick oft beliebiges Design. Bestehende Dinge werden auseinandergenommen und in einen neuen Kontext gesetzt. Demna Gvasalia vom Label Vetements hat es vorgemacht. Das designerische Moment besteht im Kommentieren eines gesellschaftlichen Zustands, der meist Insiderwissen erfordert. Das kann auch in Form von Text erfolgen. Einer der Modestudenten nähte auf das Rückenteil eines Sweaters die Worte You may not be remembered.

Ironisch

Meist mit Ironie verbunden, sind intertextuelle Referenzen immer etwas destruktiv. Ironie ist implizite Kritik und sagt, wie etwas nicht sein soll. Neu daran ist der aktionistische Aspekt, der eine politische Perspektive in die Mode bringt. Wenn auf einem Kleid etwa Aufenthaltsgenehmigung zu lesen ist.

Wenn demonstrativ eine Tasche über die weibliche Brust genäht wird, handelt es sich um ironisches Design und eine Kritik an einem Modesystem, in dem es unablässig um die Betonung von Brust, Taille und Beine geht. Aus der Perspektive der stets vorauseilenden Mode sind Kommentare auf bestehende gesellschaftliche Zustände allerdings Vergangenheit. Dass Ironie doch eine anhaltend beliebte Praxis ist, weist auf die Stagnation des Modesystems und die Abwesenheit von konstruktiven Ideen für die Zukunft hin.

Konstruktive Ideen würde man sich von neuen Technologien erwarten. Aber die Modeindustrie zeigt noch starke Berührungsängste. Die Prozesse sind disruptiv und mit hohen Investitionen verbunden. Speziell im Stoffbereich wären Innovationen aber längst fällig. Wegweisend ist die Designszene in London, wo Aurélie Fontan bereits Stoffe aus Bakterien züchtet.

Show 2019; studentische Arbeit aus dem zweiten Jahr (c) Salvatore Dragone
Show 2019; studentische Arbeit aus dem zweiten Jahr (c) Salvatore Dragone

Radikal

Dieser Gedanke scheint auch den Modestudenten nicht fremd zu sein. Sie entwickelten den radikalsten Gestaltungswillen bei den Stoffen. Mit amorphen Formen bedrucktes Karo, in Streifen geschnittene Stoffe, grob gestrickte Hosen, zweckentfremdete Stoffe, Patchwork, … In die Materialbearbeitung wurde viel Zeit investiert. Daraus könnte man ein Bedürfnis nach Innovationen lesen, die noch nicht zugänglich sind.

Ein andere Lesart die radikal bearbeiteten Stoffe zu lesen, wäre ökologisches Engagement. Wenn Stoffreste oder Second-Hand-Stoffe verwendet werden, handelt es sich um Recycling oder Upcycling. Aber auch das sind Prozesse, die ohne Technologie nicht auf industrielles Niveau zu bringen sind.

Vielseitig

Von Modestudenten wird viel erwartet. Im Idealfall  beherrschen sie alles: Konzept, Entwurf, Schnitt und Ausführung. Im Fall einer Labelgründung kommt auch noch die unternehmerische Initiative dazu. Mit dem Willen, die Zukunft der Mode zu gestalten, ist zusätzlich technologisches Wissen gefordert – oder die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Kreativen aus anderen Disziplinen. Auch wenn all diese Qualitäten in einer Person vereint sind, reicht ein 24-Stunden-Tag nicht mehr aus. Teamarbeit und Kooperationen sind ein Muss.

Show 2019; Arbeit der Diplomandin Dalia Hassan; (c) Salvatore Dragone
Arbeit der Diplomandin Dalia Hassan; (c) Salvatore Dragone

Awards

Besondere Aufmerksamkeit erhielten naturgemäß die Gewinner der Awards. Die Jury hatte sich gleich zweifach für die Arbeiten von Louise Streissler entschieden. Sie erhielt sowohl den Fred Adlmüller Award (2500 Euro) als auch den Rondo Award der in Kooperation mit dem Wiener Kaufhaus Steffl (3000 Euro) vergeben wurde. Ihre Kollektion war von einer exklusiven Stoffauswahl und relativ tragbaren Modellen geprägt.

Den erstmals vergebenen Birkhäuser Award (2000 Euro) erhielt die Diplomandin Dalia Hassan, die sich auf weibliche Business-Kleidung bezog. Ihre Kleider hatten großflächige Stofflücken und bedeckten den Körper nur unzureichend. Eine Blöße, die sie mit militärischen Elementen kontrastierte: der Waffengürtel wurde zum Tamponhalter.

Arbeit der Diplomandin Louise Streissler (c) Salvatore Dragone
Arbeit der Diplomandin Louise Streissler (c) Salvatore Dragone

Meilensteine

Mit der Strategie, renommierten Modedesignern die Leitung der Modeklasse zu übergeben, verzeichnet die Universität für Angewandte Kunst zunehmend Erfolge. Wegbereiter war Helmut Lang, einer der beachtetsten Designer der Jahrtausendwende,  dessen Einfluss nachhaltig ist. Seither scheint Österreich auf der Modelandkarte auf und Absolventen der Modeklasse finden leichter Zugang zu den Designteams von renommierten Labels in Paris und Mailand.

Neuerliche Bestätigung war der erste Preis beim Festival International de Mode, de Photographie et d’Accessoires de Mode de Hyères, der an den Studenten Christoph Rumpf ging. Vielversprechend ist auch das Talent des Absolventen Kenneth Ize, der für den hochdotierten LVMH Prize 2019 des französischen Konzerns LVMH nominiert ist. Die Jury wird Mitte Juni entscheiden.

Wer auf Hussein Chalayan folgt und die Leitung der Modeklasse für die kommenden fünf Jahre übernehmen wird, steht noch nicht fest. Derzeit sind drei Bewerber im Gespräch: das Ehepaar Lucie und Luke Meier das für Jil Sander in Mailand designt, Glenn Martens vom französischen Label Y/Project sowie  Nicolas Andreas Taralis aus Toronto.

 

 

 

 

 

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