A Take on Tech: Wie Technologie die Modeproduktion verändert

Das diesjährige Take Festival in Wien wurde erstmals Schauplatz eines Symposiums. A Take on Tech, so der Name des Event, war den innovativen Technologien in der Modeproduktion gewidmet.

Take Festival ist ein alternatives Modefestival, das einmal jährlich die lokale Kunst- und Modeszene versammelt und die Modeindustrie neu gedacht haben will. Technologie beeinflusst die Arbeit junger Modeschaffender zunehmend. Die Arbeit mit Technologie ist aber nach wie vor eine Nische. Zusätzliche Ausbildungen und interdisziplinäre Kooperationen sind gefragt.

Dieser Artikel erschien am 24. Mai 2019 auf https://innovationorigins.com/de

Mit Veronika Kapsali aus London konnte eine Sprecherin gewonnen werden, die beide Seiten kennt: Sie schloss an ihr Modedesign-Studium ein Studium in Textiltechnik an und wechselte später in die Forschung. Als Expertin im Bereich Bekleidungskomfort und biomimetische Textilien, verfasste sie mehrere Bücher und berät private und öffentliche Organisationen. Darunter auch das britische und amerikanische Militär und die Europäische Kommission.

Überlebenssichernd

Am Take on Tech Symposium in Wien sprach Kapsali über die überlebenssichernde Funktion von Bekleidungs-Technologie. Diese war schon bei den Vorfahren entscheidend. Neueren Theorien zufolge gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Niedergang der Neanderthaler und deren mangelhafter Fähigkeit in der Herstellung von Kälteschutz-Kleidung. Sie hatten den biologischen Vorteil einer dickeren Haut. Dadurch mussten sie sich später als andere menschliche Spezies mit der Herstellung von wärmender Kleidung auseinandersetzen.

Einen wesentlichen Technologie-Fortschritt der neueren Zeit sieht sie in der Entstehung von vom Menschen gemachten Fasern – und vor allem Nylon. Nylon ist der Handelsname für Polyamid und wurde 1935 von Dupont entwickelt. Eigentlich eine Rekreation der empfindlichen Seide, brachte das Material neue Superfunktionen: Kleidung aus Nylon, Spandex, Urethan und Polyester ermöglichte den Astronauten bei der ersten Mondlandung ein Überleben im Weltall.

Brauchbar

Über Wearables, 3D-Druck und oberflächliche Effekte wie in Kleidung eingebettete LED-Systeme, Soundshirts und die Farbe wechselnde Materialien, kam Kapsali zu den jüngsten Entwicklungen. Einendes Merkmal sei der Trend zu Nachhaltigkeit und Funktionen, die wirklich gebraucht werden, so die Expertin. Als Beispiel nannte sie  Biotechnologien, wie diese etwa von Modern Meadow angewendet werden. Das Unternehmen fertigt aus Zellen, DNA und Protein von Leder inspirierte Materialien. Der Prozess kann nach strukturellen und ästhetischen Merkmalen geplant werden und in umweltfreundlichen Färbungen und Finishes aufbereitet.

Die A Take on Tech Speaker © Maximilian Pramatarov
Die A Take on Tech Speaker © Maximilian Pramatarov

Im Bild: Von links nach rechts: Barnaby Caven, Kristina Dimitrova (Interlaced), Sophie Skach, Veronika Kapsali, Sabine Seymour;

Formgedächtnis

Der vielbesprochene Weltraum-Tourismus kann kommen, wie Kapsali pointiert anmerkte. Dava Newman, Professorin für Aeronautik, Astronautik und technische Systeme am Massachusetts Institute of Technology (MIT) entwickelte die dazu erforderlichen Shrink Fit Kompressions-Kleidungsstücke. Dabei orientierte sie sich an konventionellen Weltraumanzügen, in denen sich der Astronaut in einer Art Gasballon befindet. Dieser liefert den notwendigen Druck, der notwendig ist, um im Vakuum des Weltraums am Leben zu bleiben. Dieses Prinzip nutzt Newman um Kleidungsstücke automatisch an Körperformen anzupassen. Das macht sie, indem sie den Gasballoneffekt mit mechanischem Gegendruck imitiert:

Das leichte, dehnbare Shrink Fit-Kompressions-Kleidungsstück ist mit winzigen, muskelähnlichen Windungen bestückt, die sich bei Hitze-Einwirkung zusammenziehen. Das erfordert ein bestimmtes Procedere beim An- und Ausziehen: Wenn der Träger in den Anzug geschlüpft ist, wird der Anzug elektrisch erhitzt. Dadurch aktiviert das Material der Windungen sein Formgedächtnis. Es erinnert sich an seine konstruierte Form und legt sich eng an den Körper an, ohne die Bewgungsfreiheit des Trägers zu hemmen. Beim Ausziehen des Kleidungsstücks ist dieser Vorgang rückgängig zu machen.

Abschließend berichtete Kapsali von textilen Systemen, die sich beim Kontakt mit heißem Wasser in vollständig verarbeitete Kleidungsstücke verwandeln – ohne zusätzliche Aufbereitung.

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A Take on Tech

Weitere Speaker aus dem Forschungsbereich waren Sophie Skach, Designerin und Forscherin an der Queen Mary University of London, die Sensoren in Textilien für gesprächsanalytische Zwecke nutzt. Barnaby Caven vom Forschungsinstitut für Textilchemie und Textilphysik der Universität Innsbruck berichtete vom Stand der Technologie im Bereich der Stretchables. Das sind smarte Textilien, die wasch- und knautschbar sind. Sabine Seymour, ehemalige Leiterin des Fashionable Technology Lab an der Parsons The New School for Design in New York, ist mehrfache Buchautorin sowie Gründerin und Geschäftsführerin von SUPA und MOONDIAL. In Wien berichtete sie von ihrem neuesten Projekt Tokenizing your Body – ein DSGVO-konformes Bezahlmodell für Daten. Zielgruppe ist die Generation Z, die ab 1996 Geborenen, die über die App @suoa_ai zur Verwaltung ihrer eigenen Daten ermächtigt werden – und bei Freigabe mit Token bezahlt werden.

Das Symposium wurde in Kooperation mit Departure, der Wirtschaftsagentur der Stadt Wien, durchgeführt.

Take Festival

Die Inspiration zum Take Festival lieferte Lidewij Edelkoort mit ihrem Anti-Mode-Manifest aus 2015. Darin prognostizierte die Trendexpertin unter anderem eine Implosion der Mode, weil diese der Zeit hinterherhinke und mit Stardesignern und It-People auf die Ausnahme und nicht die Regel setzte. Die Regel, das seien Menschen, die ihrer Persönlichkeit weniger über theatralische Kleidung als über ein Tattoo oder eine gewagte Haarfarbe Ausdruck verleihen wollen.

Shittytrack by Elsa Okazaki © Maximilian Pramatarov
Shittytrack by Elsa Okazaki © Maximilian Pramatarov

Kunstinspiriert

Das Modedesign in Wien ist kunstinspiriert – und auch die junge Kunstszene bezieht sich gerne auf die Mode. Das ergibt viele potenzielle Akteure für das Take Festival. Jährlich werden etwa vierzig Positionen präsentiert. Locations sind öffentliche Gebäude iim Zwischennutzungsmodus.

Bei der dritten Auflage des Take Festival, die vom 14. bis 18. Mai 2019 lief, wurden die verlassenen Räume des Sophienspitals im siebten Bezirk zum Parcours. Die Installationen, Mode-Objekte, Fotos, Präsentationen und Screenings zeigten einen experimentellen Zugang zu Mode. In Zusammenarbeit mit dem AV Festival konnten auch audiovisuelle Beiträge gezeigt werden, die einen neuen Erlebnisbereich für Mode schaffen.

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