Kontroverse: Robyn Lawley’s Victoria’s Secret-Boykott

Viele Follower sprechen sich gegen Diversität am Laufsteg aus:

Das australische Plus Size-Model Robyn Lawley rief am 17. Oktober auf seinem Instagram-Account zu einem Boykott der Victoria’s Secret-Modeschau auf. Darin spricht sich die 29-Jährige gegen die perfekten Körper der Models auf dem Laufsteg aus. Die Begründung: Diese geben den Zuseherinnen ein unerreichbares Ideal vor. Die Reaktionen ihrer Follower sind gemischt. Gefühlt zwei Drittel äußern sich negativ.

Foto oben: Robyn Lawley mit Tochter in der Online Petition #WeAreAllAngels (c) Robyn Lawley #WeAreAllAngels

Autorin: Hildegard Suntinger

Lawleys Engagement für ein realistischeres Körperbild in den Medien ist nicht neu. Ihren ersten Artikel darüber schrieb das Plus Size-Model 2012 in The Daily Beast. Thema waren die Medienreaktionen auf Popstar Lady Gagas Gewichtszunahme. Der zweite Artikel erschien im Oktober 2013 ebd. und adressierte den Thigh Gap, der damals als Kriterium körperlicher Attraktivität von Frauen durch die Medien ging.

Robyn Lawley: Mehr als eine Art von Schönheit und Sexyness

In ihrer aktuellen Online-Petition #WeAreAllAngels richtet sich ihr Engagement gegen Victoria’s Secret. Der amerikanische Hersteller von sexy Damenwäsche schickt seine Models mit Engelsflügeln über den Laufsteg – weshalb diese von den Fans der Marke als Engel bezeichnet werden. Lawley kritisiert das exklusive Körperideal, das die Marke in ihren Castings verfolgt. Dieses vermittle Frauen seit 30 Jahren das Bild, dass es nur eine Art von schönem Körper gebe, so Lawley. Ihr Aufruf:

„Let’s start reteaching everyone that there is more than just one kind of beauty or one kind of sexy.“

Lawley erhielt auf ihr Posting 2401 Likes und 404 Kommentare (abgerufen am 30. Oktober). In positiven Kommentaren wird die Aktivistin bestätigt und ermutigt. Eine Unterstützerin schreibt, dass alle Körpertypen zelebriert werden sollten und dass alle Frauen für einen Wandel eintreten sollten:

„(…) All body types need to be celebrated and all women should stand up against companies like this who are stuck in the past. Change is good!“

Aber auch Follower, die mit Lawleys Anliegen grundsätzlich konform gehen, finden mitunter, dass Boykott nicht der richtige Weg sei, mehr Diversität zu erreichen. Diese verteidigen Victoria’s Secret und schreiben, Lawley habe kein Recht, das Image bzw. den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens zu gefährden.

Destruktive Kritik

Negative Beiträge sind oft destruktiv, wie etwa ‚Du willst doch nur deine Popularität steigern’, oder ‚Wenn dich etwas stört, dann gründe doch dein eigenes Label’. Manche Kritiker finden, Lawley sei einfach nur eifersüchtig auf die Models auf dem Laufsteg von Victoria’s Secret. Dazu ist zu bemerken, dass das sogenannte Plus Size-Model nicht übergewichtig ist und perfekte Proportionen hat.

Sehr oft zu lesen ist das Argument, dass Übergewicht ungesund und Cellulite hässlich sei. Auch abwertende Begriffe wie ‚fat bitches’ und ‚fatties’ werden verwendet. Andere kehren Lawleys Anliegen um und fragen, warum sie nicht zum Boykott von Plus Size-Marken aufrufe, da diese doch kleine Größen diskriminierten. Aber Lawley geht es vielmehr darum, junge Mädchen und Frauen, die Schönheitsidealen nacheifern, vor ungesundem Hungern und Bodyshame zu bewahren.

„Thanks a lot, as though we don’t see enough cellulite in real life! Now, we have to “appreciate” it on the runways as well with the body types of our dreams now missing in favor of more “reality” based skin?!!?? Thanks but no thanks!!👎👎👎👎“

Verteidigung der perfekten Körper

Ein großer Teil der Kritiker will sich die Modeschau einfach nicht verderben lassen – welche in deren Wahrnehmung einzigartig ist. Ein Follower schreibt, die Modeschau sei wie Weihnachten für sie. Diese Haltung geht oft mit der Verteidigung der Models einher, die sich ihren perfekten Körper durch konsequentes Workout und gesunde Ernährung hart erarbeiten, so der Wortlaut. Dazu folgendes Beispiel:

„(…) Each profession calls for a certain body type. If women feel bad or excluded when they watch the Victoria’s Secret fashion show then simply don’t watch it it’s as easy as that.“

Der perfekte Körper als Traum

Eine Nutzerin referiert auf den Traum, den die Modeschau den Zusehenden vermittle. Ein Traum, der nicht durch das Betrachten des eigenen Spiegelbilds bzw. von Durchschnittlichem entstehen kann.

„(…) We already know it’s ok to be different but by no means do we want to see ourselves on covers of magazines when we can just look in the mirror. One is reality and the other is a dream, where would we be without dreams. Thanks for the motivation Angels.“

Den Begriff ‚Traum’ verwendet auch die feministische Wissenschafterin Janice Winship, die seit 1969 zum Thema Frauenmagazine forscht. In ‚Inside Women’s Magazines’, ihrer Abhandlung zur Charakteristik von Frauenmagazinen bzw. dem Verhältnis von Frauen zu Frauenmagazinen schreibt sie, dass Magazine ein Terrain zum Träumen liefern.

Perfekte Körper als Motivation

Ein Teil der negativ Kommentierenden sieht in der Laufsteg-Show auch ein Vorbild und eine Motivation noch härter am eigenen Körper zu arbeiten:

„They are working out so ridiculously hard I can’t even imagine myself pushing to that extreme. And they have a very positive effect on people. Back in Kate Moss day they stayed thin by not eating drinking whisky, smoking heavily and dating damaged rockstars. Now they are a positive role models for every girl out there. Total appreciation for the angels.“

Auch auf diese Einstellung lässt sich eine Theorie der Wissenschafterin Janice Winship anwenden. Sie sagt, dass in Frauenmagazinen letztendlich eine erfolgreiche und deshalb angenehme Weiblichkeit verkauft wird. Storys in Editorials und Advertorials sind eine Aufforderung, ein Produkt zu kaufen, um eine bessere Liebhaberin, eine bessere Mutter, eine bessere Ehefrau und eine bessere Frau zu sein. Das Problem aus feministischer Perspektive ist, dass die Storys immer um eine mythische, individuelle Frau konstruiert sind, die außerhalb des Einflusses von mächtigen sozialen und kulturellen Strukturen und Zwängen situiert ist.

Die Reaktionen der Follower zeigen, dass sich Winship’s Theorie auch auf die Modeschau anwenden lässt.

„(…) where would we be today if everyone just said hey everything is ok why try harder in life if I dont have too? Whether it be body imagine, job, family, ect, we are all trying to do better in some way.“

Ein Beispiel für eine ‚unangenehme’ Weiblichkeit liefert ein Kritiker, der vorschlägt, eine übergewichtige Ballett-Tänzerin Schwanensee tanzen zu lassen – der Diversität wegen.

Winship: Die Modeschau als tatsächliche Fiktion

Janice Winship kategorisiert Magazin-Storys als tatsächliche Fiktion. Diese versucht jeweils in individueller Art, den Rezipienten in die Welt der Handlung hineinzuziehen – und letztendlich in die Welt des Konsums. Das bringt Frauen oft dazu ihre eigene Weiblichkeit zu definieren – über die Konsumation. Wobei das Vergnügen nicht total vom Kauf abhängig ist. Schon allein der visuelle Anblick kann Genuss bereiten.

Janice Winship: „We recognise and relish the vocabulary of dreams in which ads deal; we become involved in the fictions they create; but we know full well that those commodities will not elicit the promised fictions. It doesn’t matter. Without bothering to buy the product we can vicariously indulge in the good life through the image alone. This is the compensation for the experience you do not and cannot have.“

Dieses Konzept kann auch auf die Modeschau übertragen werden – die vom Gros der Zusehenden im Online-Stream gesehen wird.

Relevanz des Themas

Winship war in ihren Frauenmagazin-Studien oft mit dem Hinweis konfrontiert, sich doch mit politisch wichtigeren Dingen zu beschäftigen. Frauenmagazine zu vernachlässigen wäre gleichbedeutend damit, das Leben von Millionen von Frauen zu vernachlässigen, die regelmäßig Frauenmagazine lesen – so ihre Rechtfertigung.

Ich habe mir selbst die Frage gestellt, ob es sinnvoll ist, die Negativ-Kommentare zu Robyn Lawley’s Online-Petition gegen die Victoria’s Secret Modeschau zu analysieren. Die wenig wertschätzende Art der Kommentare täuscht darüber hinweg, dass Rawley’s Engagement eine neue Facette des ständig wiederkehrenden Themas ‚Magermodels’ darstellt – und dieses hat in der Modeindustrie hohe politische Relevanz, auf die nicht in angemessener Form eingegangen wird.

Lawley, Robyn (26.09.2012): Ralph Lauren Plus-Size Model Robyn Lawley: I’m Proud of My Body. thedailybeast.com Abgerufen am 30. Oktober 2018.

Lawley, Robyn (28.10.2013). „Robyn Lawley: Why The Dangerous „Thigh Gap“ Trend Makes Me Mad“. thedailybeast.com. Abgerufen am 12 Dezember 2013.

Lawley, Robyn (2018): Victoria’s Secret enough is enough – it’s time to stand up for ourselves!

Winship, Janice (1987): Inside Women’s Magazines. London, Pandora. Zitiert in: Storey, John (2012): Cultural Theory and Popular Culture. An Introduction. Sixth Edition. Essex: Pearson Education Limited. S. 155-156.

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