Über das Modebewusstsein junger muslimischer Frauen

Ein Interview mit der 20-jährigen Berna:

Mit Berna sprach ich, weil ich mehr über das Modebewusstsein junger muslimischer Frauen wissen wollte. Die 20-Jährige ist in der Türkei geboren und emigrierte in ihrer Kindheit gemeinsam mit ihrer Familie nach Wien, wo sie heute Publizistik und Kommunikationswissenschaften studiert. Berna ist Alevitin und hält sich an keine Kleiderordnung. Auch Modest Wear ist ihr nicht bekannt. Aber allzu freizügige Kleidung meidet sie – und das aus verschiedenen Gründen.

 

Autorin: Hildegard Suntinger

Foto oben: Das Modebewusstsein junger muslimischer Frauen (c) By jonrawlinson

 

Not For Real: Gibt es bei den Aleviten auch eine Kleiderordnung?

Berna: Wir haben keine strenge Kleiderordnung. Wir dürfen anziehen, was wir wollen – können aber auch Kopftuch tragen. Das definiert jede für sich. Bei türkischstämmigen Frauen ist es nicht einfach, die Glaubensrichtung am äußeren Erscheinungsbeild zu erkennen.

Not For Real: Gibt es in deinem Kleidungsstil einen Unterschied zu westlichen Stilen?

Berna: Ich versuche nicht zu freizügig zu sein. Aber das liegt nicht an meiner Religion. Ich fühle mich einfach wohler. Es wird ja auch erwartet, dass man gewisse Maße hat, wenn man kurze Kleider trägt.

Not For Real: Wann hat dein Modeinteresse begonnen – und wodurch wurde es angeregt?

Berna: Als ich 16 war; vorher war mir egal, was ich anhatte. Da gab es noch keine sozialen Medien in meinem Leben. 2014 begann ich, Instagramern und Bloggern zu folgen und seither versuche ich auch modisch mitzuhalten. Die Trends ändern sich so schnell, wechseln jährlich. Mit Sechzehn habe ich Crop-Tops und High-Waist Jeans getragen. Dieses Jahr trage ich Pyjamahosen.

Not For Real: Soziale Medien gab es auch schon vorher?

Berna: Vorher habe ich sie noch nicht genutzt. Ich verbrachte meine Freizeit mit Freunden draußen. Dann habe ich erst mit Facebook begonnen und später mit Instagram. Ich finde auf Instagram geht es nur darum, gute Fotos von sich zu posten – welches Make-up man trägt und welche Marken.

Not For Real: Machst du das auch?

Berna: Als Blogger würde ich das tun, aber das bin ich nicht. Ich möchte nicht angeben. Ich poste, wenn ich mich mit Freunden treffe und mit ihnen eine gute Zeit habe.

Not For Real: Fühlst du dich nicht wohl damit?

Berna: Ich will niemandem etwas unter die Nase reiben. Außerdem weiß man nicht, ob die Person auf dem Foto auch wirklich Spaß hatte. Ist ja auch Arbeit, mit der Vorbereitung auf das Shooting und den professionellen Fotos.

Not For Real: Welche Blogger verfolgst du?

Berna: Eine Freundin, die ich aus dem Studium kenne, bloggt. Viele versuchen es, aber es ist schwer, reinzukommen. Ich kenne auch eine, die tausende Follower hat. Da muss man sich dann schon professionelle Fotografen suchen – und es geht nur mehr darum, wie viele Likes und Follower man hat.

Not for Real: Wer ist deine Lieblingsbloggerin?

Berna: Alexis Ren, sie ist natürlich hübsch und macht nicht das typische Modelface. Sie lächelt auf Fotos. Außerdem teilt sie nicht nur ihre Styles sondern auch ihren Fitnessplan und ihre Reisen. Wenn sie sich freizügig anzieht, macht sie das nicht angeberisch. Aber ich finde man sollte das grundsätzlich nicht falsch interpretieren, wenn sich Mädchen auf Instagram im Bikini zeigen.

Alexis Ren
Alexis Ren (c) Alexis Ren (Instagram)

 

Not For Real: Seit wann bist du in Österreich?

Berna: Ich bin mit fünf hergekommen, habe am Anfang nur deutsch gesprochen und versuchte mich anzupassen. Erst mit zehn begann ich wieder türkisch zu lernen. Meine Muttersprache ist mir wichtig, auch wenn ich sie nicht so oft gesprochen habe, weil ich kaum türkische Freunde hatte. Meinen Eltern war es wichtig, dass ich die deutsche Sprache beherrsche, damit ich hier eine Zukunft habe. In der Schule waren die Kulturen total gemischt. Das fand ich gut, man kann von so vielen Kulturen lernen.

Not For Real: Bist du auch schon mit Modest Fashion in Kontakt gekommen?

Berna: Nicht direkt. Aus dem türkischen Fernsehen kenne ich eine Werbung, in der gezeigt wird, wie Frauen das Kopftuch tragen können. Ich dachte, es gibt nur eine Art, aber es gibt viele – und auch viele Stoffe und Muster. Ich kenne viele Mädchen, die sich sehr gut anziehen; auch Freundinnen, die Kopftuch tragen – das sind die stylishsten. Manche nähen sich ihre Kleider selber – Rock oder Weste und mit viel Zeit auch ein Kleid.

Not For Real: Was ist daran stylish?

Berna: Sie haben einen eigenen Modegeschmack, bringen es selbstbewusst rüber und es ist ihnen egal, was andere darüber denken. Bei Stars denkt man sich: Naja, das sind Stars. Aber manche können das auch auf der Straße tragen.

 

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Not for Real: Was sind deine Beobachtungen – findest du, dass sich die Kleidung der Muslime der westlichen angleicht?

Berna: In der Türkei sehe ich wenige Mädchen, die sehr Kurzes anhaben. Viele orientieren sich an westlichen Trends, die sie abwandeln. Sie kombinieren anders, z.B. Mum Jeans (Anm. HS: hochgeschnittten, mit etwas mehr Weite in der Hüfte und knöchellang) zu crop Top. Etwas Kurzes kann sehr provokant wirken. Wenn ich mich in der Türkei so kleide, wie in Wien, dann zieht das dort mehr Blicke auf sich.

Not for Real: Wo kaufst du ein?

Berna: Ich versuche nicht viel auszugeben und suche Sachen, die etwas hervorstechen. Ich kaufe bei Zara, Pull & Bear und Asos. Wenn ich mehr Geld habe, gehe ich auch in Läden wie Guess, wo ich aber eher Taschen oder Schuhe kaufe.

Not for Real: Wie kleidest du dich?

Berna: Für die Uni kleide ich mich casual – meistens trage ich Hosen mit einfarbigem Leiberl. Wenn ich mit Freunden unterwegs bin, darf es etwas riskanter sein. Dann kombiniere ich z.B. ein Leiberl zum Kleid oder trage eine Farbe wie gelb. Ich habe einen karamellfarbenen Hautton und kann auch schrillere Farben gut tragen.

Not For Real: Was ist dir wichtig?

Berna: Dass ich die Kleidung mag und selbstbewusst wirke. Es soll nicht so aussehen, als hätte mich jemand reingesteckt.

Not for Real: Verfolgst du das Modegeschehen?

Berna: Ja, aber nur begrenzt. Die großen Modeketten und Marken nutzen Instagram, um ihre Kollektionen zu promoten. Wenn eine Freundin etwas Cooles sieht, schickt sie es weiter und das macht dann die Runde. Auch wenn ich auf Instagram ein Mädchen mit einem guten Style sehe, inspiriert mich das und ich überlege, wo ich die Teile bekommen könnte.

Not For Real: Wie würdest du deinen Stil beschreiben?

Berna: Im Sommer trage ich gern gemusterte knielange Kleider z.B. mit Blumenmuster oder mit Tupfen. Auch Jumpsuits trage ich gern. Shorts trage ich nur, wenn sie länger sind und locker sitzen. In engen Shorts fühle ich mich wie in einer Unterhose. Aber ich mag generell lieber weitere Kleidung. Ich finde, darin sieht man dünner aus.

Wenn ich ins Fitness-Center gehe, beobachte ich manchmal Männer, die vor dem Spiegel posen. Ich mag Selbstbewusstsein. Das sieht man nicht so oft.

Not for Real: Ist dieses idealistische Selbstbild nicht durch die perfekten Bilder in den Sozialen Medien gekommen?

Berna: Als ich zwölf war, war mir total egal was ich anhatte. Ich habe irgendein Leiberl und irgendeine Hose getragen. Die 12-Jährigen heute sind anders.

Not For Real: Danke für das Gespräch.

 

 

 

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