Die Hersteller von kreativer KI feiern sie als etwas, das auch Laien zu Modedesignern macht. Industrietauglich ist sie erst in Teilbereichen und es sind vorwiegend Künstler und Künstlerinnen, die sie nutzen. Aber die Fortschritte sind rapide – und die Euphorie groß. In diesem Sinne auch der Titel der Ausstellung AND, OR, or NOT im Designforum Austria, die noch bis 13. September 2025 läuft. Zu sehen sind phantastische Kleider und Videos, in denen sich die Grenzen zwischen den Genres auflösen. Anspruch auf Vollständigkeit bestehe nicht, so die Kuratorin Ulrike Tschabitzer -Handler.
Lange Zeit hielt man es für unmöglich. Aber sie kann es doch: die Künstliche Intelligenz kann kreieren und auf Mouse Click Ideenwelten erschaffen, die überraschen und inspirieren. Inwieweit das im Modedesign notwendig ist, darüber wird noch diskutiert. In der Ausstellung And, OR, or NOT sieht man die Dinge positiv. Die Ko-Kreation von Mensch und Maschine könne die Kreativität erweitern und dem Menschen dienen.
Die KI agiert durch Menschen und mit von Menschen geschaffenem Material. Erst wenn sie einen Text-Prompt erhält, kann sie Vorhandenes aus dem World Wide Web entsprechend reflektieren. Aber sie hat kein Kontextwissen und keinen Sinn für Qualität. Auch hat sie keine Ahnung vom kulturellen, emotionellen und historischen Umfeld der Modeproduktion. Soll die KI-kreierte Schöpfung real werden, muss sie von einem Menschen übersetzt werden, der dieses Kontextwissen hat. Der britische Kulturjournalist Thom Waite nennt es Geschmack und dieser sei in einer KI-gesteuerten Welt die ultimative Währung.
Modekunst
Iris van Herpen ist der globale Star der Ausstellung. Die niederländische Künstlerin hat die Vision Emotionen zu materialisieren. Das macht sie mit leichten, bewegten Texturen, welche die physikalischen Gesetze unterwandern. Herkömmliche Schneidertechniken allein würden das nicht leisten. Die Umsetzung erfordert auch neue Fertigungstechniken. Deshalb integriert sie moderne Technologien wie Laserschnitt und 3D-Druck sowie eigens entwickelte Materialien. Tragbar sind die Werke von Iris van Herpen nur bedingt. Sie werden zwar am Laufsteg präsentiert, gehen aber oft in Museumssammlungen ein.

KI-Ästhetik
Die in Antwerpen lebende österreichische Künstlerin Flora Miranda zeigt in der Ausstellung ein mit tausenden Glasperlen besetztes Samtkleid. Dabei setzt sie sich konzeptionell mit Technologie, Macht und Frauen auseinander. Mit Frauen, die Technologiekonzerne führen, aber im Schatten von Männern wie Mark Zuckerberg oder Elon Musk stehen. Flora Miranda arbeitet vor allem mit generativem Design, bei dem ein Design durch Code gerechnet wird. „Es muss nicht unbedingt KI involviert sein“, erklärt sie. Bei dem ausgestellten Kleid führte das errechnete Ergebnis nicht zum erwarteten Ergebnis. Deshalb entwarf und fertigte sie es am Ende doch händisch. Auch die Portraits der weiblichen Tech-Idole setzte sie manuell in Ascii (American Standard Code for Information Interchange ) Code Ästhetik um. Die Perlen stickte sie in feinster Handarbeit auf.
Flora Miranda machte übrigens ihre ersten Berufserfahrungen im Atelier von Iris van Herpen. Seit sie in ihrem eigenen Atelier arbeitet, zeigte sie ihre Arbeiten schon in Paris und New York.
Erweiterter visueller Ausdruck
Foto- und Videokünstler nutzen die KI als Instrument für noch nicht dagewesene Bilder. Die Zugänge sind individuell. In der Ausstellung zeigte u.a. die in Wien lebende bildende Künstlerin Crystin Moritz. Sie entdeckte Künstliche Intelligenz, als die analoge Fotografie immer teurer und Polaroid-Filme immer seltener wurden. Heute arbeitet sie sowohl mit analogen als auch mit digitalen Medien. Künstliche Intelligenz hilft ihr die Grenzen des visuellen Ausdrucks zu erweitern. In der Ausstellung zeigt sie Selene Atomica, ein surrealistisches Video, das auf Salvadore Dalis Werk Leda Atomica referiert. Leda ist eine Figur aus der griechischen Mythologie, die in ihrer Hochzeitsnacht von Zeus in Gestalt eines Schwans verführt wird. Moritz geht in ihrem einminütigen Video von einem einzigen Polaroid aus und schafft damit ein visuelles Experiment mit traumhaftem Geschehen. Thema ist die menschliche Natur, Identität und Gesellschaft.
Crystin Moritz studierte in Berlin Fotografie und assistierte dann bei Axel Hoedt und Laetitia Negre in London.

Aus der Normalität ausbrechen
Die visuelle Künstlerin Yulia Reznikov will mit KI „aus der Normalität ausbrechen und Wirklichkeiten erforschen, die sich noch nicht ereignet haben“. Am Anfang erstellte sie damit Moodboards für Editorials, um dem Team ihre Ideen zu vermitteln. Später wurde ihr klar, dass sie mit KI ganze Projekte umsetzen kann. In der Ausstellung zeigt Reznikov u.a. eine visuelle Studie über das Altern, den Körper und die Erinnerung. Zwei Frauen unterschiedlichen Alters tragen anatomisch inspirierte Kleider aus Wachs, die sich wie eine zweite Haut um den Körper legen und mit der Zeit ihre Dichte, Struktur und ihr Gewicht verändern. Die Kleidung wird zu einem Medium, durch das die Vergangenheit und die gesammelten Erfahrungen sichtbar gemacht werden.
Reznikov lebt in Berlin und studierte Kommunikationsdesign, bevor sie sich auf Mode- und Beauty-Fotografie spezialisierte.

Hybride Bildsprache
Die visuelle Künstlerin Grit Wolany kehrt sich in ihrer Bildsprache vom in der Mode verbreiteten Hyperrealismus ab und erkundet die Zwischenräume etablierter Medien – durch De- und Neukonstruktion. So entstehen hybride Formen, die sich mit vertrauten Elementen verbinden. In den ausgestellten Werken setzt sie sich mit den Auswirkungen des anhaltenden Hyperkonsum auseinander. Indem sie Models in High Fashion neben Textilabfälle in der chilenischen Wüste von Atacama oder die verschmutzten Gewässer in Bangladesch stellt. Der Kontrast zeigt die verdrängten ökologischen und sozialen Kosten des Modekonsums und eine Konsumkultur, in der Wissen und Verleugnung koexistieren. Es bleibt aber nicht beim moralischen Appell. Die Künstlerin sucht auch nach Möglichkeiten für eine verantwortungsvollere Beziehung zu Mode.
Wolany lebt in der Schweiz und studierte Communication Design & Art Direction. Ihre Arbeiten waren schon in London und mehreren US-Städten zu sehen.

Zukunftsperspektiven
Die Eröffnung der Ausstellung Ende Juni 2025 wurde von Präsentationen von Experten aus der KI flankiert: SYKY Collective, The Fabricant und Emily Genatowsky, eine amerikanische PHD-Studentin in Digitalen Humanwissenschaften an der Universität Wien. Sie forscht an verschiedenen KI-Themen und schreibt ihre Doktorarbeit über „Open Source Intelligence und Datenanalyse im Zeitalter der künstlichen Intelligenz”.
SYKY Collective ist ein Mode Start-up, das auf Web 3.0-Technologie basiert, eine Blockchain-Technologie, die auf Dezentralisierung und tokenbasierte Wirtschaft abzielt. Tokenisiert werden können zum Beispiel Finanzprodukte, digitale Güter oder Anwendungsfälle. Einer der Vorteile ist die Demokratisierung der Märkte. Und genau darum geht es in SYKY Collective: Die Gründerin Alice Delahunt will aufstrebenden digitalen Modedesignern und -designerinnen den Zugang zum Luxusmodemarkt erleichtern.
Luxusmode für Avatare
Delahunt arbeitete zuvor im digitalen Marketing bei Burberry (UK) und Ralph Lauren (USA). Beide Unternehmen waren Vorreiter im digitalen Marketing von Luxusmode. Bei Burberry arbeitete sie an der ersten live gestreamten Modeschau und an der ersten Snapchat-Show. In ihrer Zeit bei Ralph Lauren begannen sich Kryptowährungen und Web 3.0 im Mainstream zu etablieren und sie experimentierte mit authentischen Methoden für den Social Commerce auf Spiele-Plattformen wie Roblox. Ein vorläufiger Höhepunkt war die Zusammenarbeit mit Bitmoji, dem Avatar auf Snapchat, für den 2020 eine eigene Kollektion entworfen wurde. Innerhalb kürzester Zeit waren Millionen von Bitmojis in Ralph Lauren gekleidet.

Digitales Modedesign im Luxussektor
In ihrem eigenen Start-up bietet Delahunt herausragenden digitalen Modetalenten eine Plattform für die Kreation und Vermarktung von digitaler Luxusmode. Damit will sie die Lücke zwischen der Welt der Luxusmode, dem digitalen Modedesign und Web 3.0 zu schließen. Sie startete 2023 mit dem Inkubatorprogramm SYKY Collective, in das sie neun digitale Modedesignende aufnahm. Diese können auf ihrer Plattform die modernsten Web 3.0-Technologien nutzen und Rat bei renommierten Mentoren aus der Modeindustrie – wie etwa das British Fashion Council – suchen.
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Virtuelle Mode
Einer der sich für das Inkubator-Programm SYKY Collective qualifizierte, war z.B. Pet Liger, ein digitales On-Chain-Schuhunternehmen aus Zypern. On-Chain Prozesse sind Aktionen oder Transaktionen, die direkt auf der Blockchain geschehen. 2012 gegründet, brachte Pet Liger erst 2024 den ersten physischen Schuh auf den Markt. Dazwischen lagen NFT-Deals und Kollaborationen wie jene mit Gucci, aus der ein 3D-gedruckter Bubblegum-Loafer hervorging. Übrigens sagte Delahunt gegenüber Vogue, Pet Liger könne der nächste Tom Ford werden.
Die zehn digitalen Modedesignenden kamen aus zehn verschiedenen Ländern – darunter auch Taskin Goec, ein in Berlin ansässiger Mixed-Reality-Designer, der Technologie mit Handwerkskunst verbindet, um die Möglichkeiten der Mode zu erweitern. Die Lederkombination, die er gerade auf Instagram präsentiert, ist prompt-basiert.
Die Luxusmode demokratisieren
Mittlerweile steht die Plattform allen digital Modedesignenden zur Selbstvermarktung offen. Die Veröffentlichung von Designs ist kostenfrei. Erst bei Verkauf werden zehn Prozent Provision fällig. Gegen Gebühr gibt es auch einen Onchain-Zugang für Gäste. Modedesignende können virtuelle Modelle – mit Sourcecode – anbieten, oder auch physische. Asia Sumik von SYKY in Wien: „Vor dem Internet waren Modedesigner räumlich limitiert und standen vor der Herausforderung eines langwierigen Marktaufbaus. Die Marktteilhabe war teuer und marginalisierte Communities waren oft ausgeschlossen. Damals stand man vor dem Problem hineinzukommen, heute geht es darum, herauszustechen.“ Eben das will SYKY den Kreativen ermöglichen.
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Digitales Modedesign
In der Pandemie sah es so aus, als setze sich die Digitalisierung in der Modeindustrie durch. Das niederländische Start-up The Fabricant promotete die Digitalisierung von Modedesign. Das ermöglicht es, 3D-Prototypen auf dem Screen zu präsentieren – an Models – und sowohl statisch als auch in Bewegtbildern. Ein Konzept, in dem Muster nicht mehr physisch gefertigt werden müssen. Auch müssen für Shootings und Runway-Shows keine Models mehr einflogen werden. Beides würde die CO2-Emissionen der Modeindustrie senken. In der Pandemie ein relevantes Angebot. Das Interesse der Modebrands habe sich jedoch auf die hyperrealen Bilder konzentriert, die sie zur Vermarktung bestehender Kleidungsstücke verwenden konnten, so eine Unternehmenssprecherin damals gegenüber Not for Real.

Eine Situation, die sich seither kaum verändert hat. Es sind immer noch vorwiegend Künstler und Künstlerinnen welche die neuen Möglichkeiten der KI ausloten. Die Anwendung in der Modeindustrie hakt noch an der zeit- und kostenintensiven 3D-Modellierung. Die unkomplizierte Integration in den Produktionsprozess muss noch erforscht werden. Aber schon Modestudierende nutzen KI für die schnelle Visualisierung ihrer Ideen – das sogenannte Moodboard. Etwas, für das sie ohne Künstliche Intelligenz Stunden bis Tage brauchen würden. Zeit, die sie für die eigentliche Kreation nutzen können, so Adriana Pereira und Kerry Murphy, die Gründer von The Fabricant in Wien.
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3D-Prototypen in Bewegtbildern
Die Entrepreneure begannen schon 2016 mit dem Training von KI-Modellen. Sie fütterten das System mit 1500 Modellen von den Pariser Laufstegen, um daraus eine eigene Kollektion in 3D zu generieren. Für ein cooles Storytelling inszenierten sie die 3D-Protoypen an Models und in Bewegtbildern. Im Hintergrund spielten sie 2D-Bilder ein. Pereira und Murphy haben einen Hintergrund in Mode und Film-, Theater- und Medienwissenschaften. Sie erwarten in der Modeindustrie eine ähnliche Entwicklung wie in der Filmindustrie. Dort gibt es schon Software, die die Arbeit enorm erleichtert und für jeden erschwinglich ist.
100% digitale Wertschöpfungskette
Momentan sei erst in zehn Prozent der globalen Modeunternehmen 3D-Software implementiert. Aber die Qualität stimme und ein 3D-Entwurf sei nicht mehr von einem physischen Entwurf zu unterscheiden, so die Beiden in Wien. Um den Prozess zu beschleunigen und die Modeproduktion komplett zu digitalisieren, forschen Pereira und Kerry selbst an einer KI-basierten Lösung. Die Software, die sie planen, soll die gesamte Wertschöpfungskette umfassen – von Konzept und Technik über Entwurf, 3D-Visualisierung, Schnitt und Muster bis hin zu Distribution und Vertrieb.
Produktion on-demand
Das Tool soll die Zusammenarbeit von Mensch und KI fördern und ortsunabhängig – ohne großes Equipment – anwendbar sein. Die einzelnen Schritte sollen sekundenschnell durchführbar sein. Wie etwa eine Skizze, die auf Mouseclick zum Foto wird. Zeit als kritischer Faktor in einer trendabhängigen Industrie, die der Zeit immer hinterherhinke, so Pereira. Last but not least soll die KI-gesteuerte Wertschöpfungskette auch die Produktion on-demand ermöglichen – um Überhänge zu vermeiden und die Nachhaltigkeit der Mode zu fördern.

Hürde Datenschutz
Für eine Anwendung der KI in der Modeindustrie muss nicht nur die Hürde der zeit- und kostenintensiven 3D-Modellierung genommen werden. Ungelöst ist auch noch der Umgang mit dem Datenschutz. KI-Modelle werden mit bestehenden Daten trainiert und daraus entsteht a) die Frage, ob überhaupt fremde Daten verwendet werden dürfen und b) die Frage nach dem Urheber der KI-basierten Kreation. Einer der ersten Fälle, in dem Markenrechte im Kontext von NFTs und digitalen Gütern verhandelt wurden, war jener der sogenannten „MetaBirkin„-NFT-Kollektion des Künstlers Mason Rothschild. Hier war es allerdings die offensichtliche Nachbildung einer berühmten Tasche von Hermès und das Unternehmen verklagte den Künstler wegen Verletzung der Markenrechte. Das Gericht entschied zugunsten von Hermès und verurteilte den Künstler zur Zahlung von Schadensersatz in Höhe von 110.000 US-Dollar, basierend auf den Nettoerlösen, die Rothschild durch die Marke und Rufausbeutung erzielt hatte.
Die angestrebte digitale Modeproduktion on-demand ermöglicht außerdem Maßanfertigung und das erfordert einen 3D-Körperscan des Kunden. Sensible Daten, welche die Betroffenen nicht preisgeben möchten. Die Frage, wer diese Daten sammelt, wie sie gespeichert, geteilt und geschützt werden und ob die Nutzenden jederzeit kontrollieren können, wer auf ihre Daten zugreift, ist noch nicht beantwortet.
Outfit für den Roboter Tova
Fragen, mit denen sich auch die Forscherin Emily Genatowsky auseinandersetzt. Im Rahmen von AND, I or NOT sprach sie erstmals über ein Experiment, in dem sie das Zusammenleben mit einem Roboter erforscht – mit allen rechtlichen Problemen, die damit einhergehen. So stellt sie sich etwa die Frage, ob ein Roboter für seine Arbeit besteuert werden soll. Umso mehr, als Roboter die Lohnsumme senken und die öffentlichen Finanzen gefährden.
Was Emily noch mit der Mode verbindet? Sie sucht funktionelle Kleidung für ihren Roboter namens Tova. Schließlich könnte er im Regen nass werden, oder im Alltag staubig. Wie ein Menschen braucht er Bewegungsfreiheit. Spezifische Anforderungen sind Wärmeableitung und Ventilation. Auch die Sensoren dürfen nicht verdeckt werden. Die Herausforderungen hat sie in diesem Paper zusammengefasst. Gemeinsam mit The Fabricant ruft sie zum Designwettbewerb auf. Die Einreichfrist wurde verlängert und läuft noch bis 7. September 2025. Hier geht es zu den Teilnahmebedingungen.
Hildegard Suntinger
