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Nähroboter soll die Modeindustrie zurück in die europäischen Absatzmärkte bringen

Das österreichische Start-up Silana entwickelt einen Nähroboter, der die Probleme der Modeindustrie lösen könnte. Denn die Automatisierung des aufwändigen handwerklichen Prozesses könnte die Produktion aus den Niedriglohnländern zurück in die europäischen Absatzmärkte bringen – und die Modeindustrie ökologischer, sozialer und wirtschaftlicher machen. Wie das gelingen könnte, erzählt Co-Gründer Michael Hofmannrichter im folgenden Interview.

Teile der Bekleidungsproduktion konnten schon digitalisiert und auch automatisiert werden. Beim Nähprozess ist das noch nicht gelungen. Bis jetzt können Roboter nicht mehr als einfache T-Shirts und steife Uniformen nähen, weil ihnen eine entscheidende menschliche Fähigkeit fehlt – die Fingerfertigkeit! Je feiner der Stoff, desto schlechter die Performance des Roboters, dessen Sensorik mit biegeschlaffen Geweben überfordert ist. Michael Mayr, Anton Wohlgemuth und Michael Hofmannrichter, die drei Gründer des Start-up, meinen, dass das Problem mit zukunftsorientierten Technologien zu lösen sein sollte.

Foto oben: Unsplash

Dieses Interview erschien am 25.05.2022 auf Innovation Origins

Welche Expertisen bringt ihr als Gründerteam ein?


Michael Hofmannrichter: Michael Mayr ist unser Fachexperte in der Modemarkt. Er stammt aus dem Familienunternehmen Fussl Modestraße, das eine Filialkette mit 200 Standorten betreibt. Dadurch kennt er die betrieblichen Anforderungen und ist in der europäischen Modeindustrie bestens vernetzt. 

Anton Wohlgemuth ist ausgebildeter Automatisierungstechniker und Software-Experte. Seine Programmierkenntnisse in Python, SPS, Java, et cetera sind besonders für die Softwareentwicklung und Betreuung der Maschine entscheidend. 

Ich arbeite im Beteiligungsmanagement der B&C Holding für die Lenzing AG und bringe Wissen und Netzwerk über die gesamte Wertschöpfungskette der textilverarbeitenden Industrie mit. 

Welches Problem löst ihr und warum ist das wichtig? 


M.H.: Wir wollen die veralteten Produktionsweisen der Modeindustrie aufbrechen und damit eine Billionen-Dollar-Industrie nachhaltig verändern – in ökologischer, sozialer und ökonomischer Hinsicht. Die Produktion im Modemarkt ist aufwändig und die Transportwege lang. Daraus entsteht für europäische Modehändler eine Logistik- und Herstellungskette, die unweigerlich zu Lieferzeiten von durchschnittlich neun bis zwölf Monaten führt. Dadurch ist eine akkurate oder gar rasche Reaktion auf Markttrends unmöglich. Folge dessen hat sich die Anzahl der in Deutschland tätigen Modehändler in den vergangenen 15 Jahren mehr als halbiert. Durch COVID-19 hat sich dieses Problem noch weiter verschärft.

Wenn wir die Modeindustrie zurück in die Absatzmärkte holen, fallen die problematischen Arbeitsbedingungen in den Niedriglohnländern weg. Aus Umweltsicht erübrigen sich die immens langen Transportwege und die CO2 Emissionen können um durchschnittlich 80 Prozent gesenkt werden. Gleichzeitig reduzieren sich die Vorlaufzeiten von bisher durchschnittlich neun Monaten auf weniger als vier Wochen. Dadurch wird es einfacher auf Markttrends zu reagieren – und Überhänge können weitgehend vermieden werden.

Wie können wir uns euren Nähroboter vorstellen?


M.H.: Wir befinden uns gerade im Prozess der Patentierung und dürfen deshalb nicht viel verraten. Nur soviel: Unsere Lösung basiert auf einem Baukastenprinzip und wird in bestehende Anlagen integrierbar sein. Es sind mehrere Roboter involviert und ihre Funktionen umfassen die Vereinzelung von Stoffen, deren Fixierung und die stoffunabhängige Positionierung. Wobei Fixierung und stoffunabhängige Positionierung sogar in 3D-Nähprozessen möglich ist. Zentrales Feature ist die Berücksichtigung verschiedener Stoffe. Dadurch kann die Vorrichtung den Nähkopf in der genau richtigen Geschwindigkeit ansteuern. Langfristig möchten wir alle Kleidungsstücke – vom einfachen T-Shirt bis zum komplexen Tailor-made-suit  vollautomatisiert herstellen können. 

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Was war das größte Hindernis, das ihr überwinden musstet? 


M.H.: Das größte Hindernis war zugleich unser größter Segen. Wir wollten schon zuvor im Modebereich gründen, sind aber dann auf das Problem der langen Vorlaufzeiten gestoßen. Unser Co-Founder Michael Mayr hat uns darauf aufmerksam gemacht und uns von der absurden Situation in der Modeindustrie erzählt. Unser Techniker Anton hatte dann sogleich einige Lösungsansätze zur Automatisierung parat. So haben wir eine Idee hinter uns gelassen und die Idee zu Silana ist entstanden. Am Ende waren wir motivierter als je zuvor. 

Was waren die bisher schönsten Momente? 


M.H.: Die Begeisterung von Unternehmen der Modeindustrie wenn wir ihnen von unserer Lösung berichten. Die Akzeptanz ist enorm – und ebenso die Neugierde. Die meisten Unternehmen wollen sich mit uns vernetzen und uns beraten. Mittlerweile haben wir Letters of Intent von Unternehmen mit einem kumulierten Umsatz von mehr als 350 Millionen Euro. Man glaubt an uns – und das motiviert uns enorm.
Das erste Funding vom High Tech Inkubator INITS hat uns natürlich auch sehr stolz gemacht. Die Entwicklungserfolge die wir damit erzielen konnten und können ebenso. 

Wie ist es euch mit der Finanzierung ergangen? 


M.H.: Das erste Geld war schon etwas sehr Besonderes. Aktuell befinden wir uns in der ersten großen Investitionsrunde und die Karten werden neu gemischt. Als Hardware Unternehmen in der Modeindustrie eine große Seed Runde aufzustellen ist definitiv herausfordernd – aber wir nehmen sie gerne an. 

Wie sind die Bedingungen an eurem Standort? 


M.H.: Die österreichische Gründerlandschaft ist wirklich sehr unterstützend. Das beginnt schon an den Universitäten und geht über vielfältige Fördermöglichkeiten hin zu den verschiedenen Inkubatoren. Das hat uns in der frühen Phase unserer Start-ups sehr geholfen und so sind wir auch zu unserem ersten Investment gekommen. Das einzige Manko: Risikokapitalgeber für den Hardware-Bereich sind in Österreich dünn gesät. Aber einer internationalen Vernetzung steht ja nichts im Wege. 

Wo möchtet ihr mit eurem Unternehmen in fünf Jahren sein? 


M.H.: Wir möchten die Vollautomatisierung von einfachen Kleidungsstücken geschafft und uns damit klar als Technologieführer in der Kleidungsherstellung positioniert haben. 

Was ist das Einzigartige am Silana Nähroboter? 


M.H.: Vieles haben wir oben bereits angesprochen. Die drei wichtigsten Dinge, die wir besser machen als herkömmliche Produzenten sind erstens, die verkürzten Vorlaufzeiten, zweitens, die verbesserte Nachhaltigkeit und drittens, die verringerten Mindestbestellmengen. 

Hiring? 


M.H.: Im Moment noch nicht. Das kann sich aber mit der anstehenden Finanzierungsrunde rasch ändern – stay tuned! 

Danke für das Gespräch.

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