Boardsports Historie

Eine Einführung in die Geschichte der Boardsports

Die Geschichte der Boardsports reicht über Jahrtausende in die Vergangenheit und führt vom Wellenreiten (Surfen) über das Skateboarden bis zum Snowboarden. Schon 3000 v. Chr. in Peru entdeckte Funde zeigen auf schwimmenden Geräten stehende Menschen – angetrieben vom Meer. James Cook war 1777 der erste Europäer, der auf Hawaii Surfer beobachtete.

Erschienen in: Jeans & Sport, Sonderpublikation der Textil Zeitung, 1/2000

 Autorin: Hildegard Suntinger

Foto oben:  Die Anfänge der Boardsports: Duke Kahanamoku, Botschafter des Surfens aus Hawaii. Von The Salt Lake Tribune, February 02, 1913.

In Europa wurde das Surfen erst 1965 durch eine Performance kalifornischer Surfer im südfranzösischen Biarritz populär. Jim Fitzpatrick, einer der Surfer, hatte neben seinen Surfboards auch 12 Skateboards im Gepäck, die er an Einheimische verschenkte. Nach Abreise der Kalifornier sollte Biarritz nie mehr dasselbe sein! Und die Verbreitung des Boardsports in Europa war nur noch eine Frage der Zeit.

Snow- und Skateboarding sind im Vergleich zur archaischen Surfkultur sehr junge Sportarten. Erst um 1950 begannen die Surfer an den Küsten Kaliforniens das Wellenreiten mit dem »Surfen auf Asphalt« zu verbinden und Skateboarding  fand rasch unter dem Begriff »Sidewalk Surfing«  Verbreitung.

Auch Sherman Poppen, der Erfinder des Snowboards war vom Surfen inspiriert. Er trat 1965 vor sein Haus und erblickte auf einem schneebedeckten Hügel eine Welle … Er schraubte zwei Ski mit ein paar Dübeln zusammen und hatte ein schneetaugliches Surfboard – den Snurfer.

Auch die weiteren Entwicklungen des Snowboards waren eng mit der Surf- und Skatekultur verwoben. Die Art des Ridens entwickelte sich mit fortschreitender Board-Technik.

Die Anfänge in Hawaii: Wellen fangen

Die hawaiianischen Vorfahren sahen die Herausforderung im unermüdlichen »Fangen der Welle«. Die 150 Pfund schweren Boards aus Massivholz waren schwer zu steuern, Und die Kraft der Welle wurde genutzt, um zielsicher am Strand einzulaufen. Hochkonstruktionen, Kunststoffe, Finnen und eine deutliche Verkürzung der Boards sollten dies im Lauf der Zeit ändern.

Ursprünglich wurde der Ritt auf den Wellen mit verrückten Stunts unterlegt, so gab es Surfer, die auf einem Stuhl sitzend Ukelele spielten oder Hand- und Kopfstand vorführten.

Im Skateboarden war die Performance anfangs noch durch schwerfällige Tonrollen limitiert – und die mangelhafte Manövrierbarkeit wurde durch akrobatische Übungen auf dem Board kompensiert. Urethanrollen, hochreaktive Trucks und neue Board-Konstruktionen  sollten die Performance auf das nächste Level bringen.

In den verschneiten Bergen war die Handhabung des Boards ganz klar: Downhill! Die ersten Rennen im Snowboarden wurden kamikazenhaft auf steiler, eisiger Piste absolviert. Die große Kunst war es – absurderweise – nicht zu fallen. Ohne Kanten und P-Tex Belag lag die Herausforderung zweifellos im Bereich der Kunst.

Surfen als religiöses Ritual

Die Rebellion, welche allen drei Sportarten anhaftet, hat historische Ursprünge. So sollte die hawaiianische Surfkultur schon 1820 der Mission europäischer Christen zum Opfer fallen. Surfen war nicht nur ein unmittelbarer Bestandteil der Kultur, sondern ein religiöses Ritual – das schon mit der Wahl des Baumes begann, der für die Konstruktion des Boards gesucht wurde. Von Mitte Oktober bis Mitte Jänner legten die Hawaiianer die Arbeit nieder und verbrachten ihre Zeit mit Tanzen, Feiern und Surfen. Diese Lebensweise gefiel den Christen nicht, deren Handeln ökonomisch geleitet war.

Skate- und Snowboarding als Gefährdung der allgemeinen Sicherheit

Die Skateboarder wurden 1965 wegen »Gefährdung der allgemeinen Sicherheit« von Kaliforniens Straßen verbannt. Der Grund dafür  waren technologische Mängel – bedingt durch die gängigen Tonrollen. Die zweite Skateboard-Welle setzte 1973 mit der Lancierung der Urethanrollen ein – und endete 1981, weil die Versicherungen für  Skateparks in utopische Höhen schossen und die Betreiber zur Schließung zwangen. In der dritten Welle verlagerte sich Skateboarding wieder auf die Straße und fiel Anfang der 1990er Jahre der wirtschaftlichen Rezession und der Nemesis Rollerblading zum Opfer. Die vierte und vielleicht permanente Welle war den Kindern der Babyboomers zu verdanken.

Radikale Absichten wurden auch den Snowboardern der frühen 1980er Jahre unterstellt. Der Zutritt zu Pisten und Liftanlagen war ihnen untersagt, weil sie den jungfräulichen Powder mit ihren weiten und tiefen Schwüngen »zerstörten« und »Skifahrer wie Kegel umwarfen«?! so die Liftbetreiber. Unweigerlich folgten Auseinandersetzungen mit den Versicherungen. Schließlich sah der Versicherungskonzern Lloyds of London einen Film über Snowboarding und fand den Sport in seiner Coolness versicherungswert.

Entdeckung des Wirtschaftsfaktors

Die Fortführung und Verbreitung der Boardsports ist Individualisten zu verdanken, die sich nicht von der öffentlichen Meinung beirren ließen – und genialen Boardern und Technikern, die den Sport mit immer wieder neuen Techniken in stets neue Performance-Stratosphären schnellen ließen.

Wie eng die Verbindung zwischen Sport und Industrie ist, zeigt sich am besten am Beispiel der 1. Snowboard-Weltmeisterschaften in Soda Springs, Lake Tahoe, Kalifornien. Diese waren von Sims organisiert – und der Wettbewerb wurde zwischen dem Burton Team, inklusive Jake Burton, und dem Sims Team, inklusive Tom Sims, ausgetragen.

Botschafter des Surfens Duke Kahanamoku

Die offizielle Anerkennung der Boardsports erfolgte  mit steigender wirtschaftlicher Akzeptanz. Auf Hawaii entdeckten amerikanische Geschäftsmänner zu Ende des 19. Jahrhunderts das Surfen als Touristenattraktion wieder. Und der hawaiianische Beachboy und spätere »Gottvater der modernen Surfgeschichte«, Duke Kahanamoku, reiste um die Welt und sorgte für die Verbreitung des Surfsports. Mit einem Taschenmesser, einem Holzbrett und ein bisschen Zeit fertigte er Surfboards als Geschenke für seine neuen Freunde – und knüpfte damit an die hawaiianische Tradition an.

Die Skateboarder errangen durch die vier Trendwellen Teilsiege im Kampf gegen das Establishment: mit technischen Fortschritten und dem Rückzug von der Straße in Skateparks . Um die Zukunft des Sports zu sichern, erwirkte die International Association of Skateboard Companies (IASC) eine Gesetzesänderung in Kalifornien, welche Skateboarden als  »gewagte Sportart« klassifizierte und bei Verletzungen eine Haftbarmachung der Öffentlichkeit verhinderte. Die Politiker ließen sich nicht zuletzt von dem für sie überraschend großen und stark wachsenden Wirtschaftszweig überzeugen.

Im Snowboarden war es der massive Einspruch der im Snowboarding tätigen Unternehmen und deren zunehmende wirtschaftliche Kraft, welche die Tourismusgebiete und Liftbetreiber schließlich – zu ihrem eigenen Vorteil – überzeugte. Zu den treibenden Kräften zählte Jake Burton.

Boardsports wird zur globalen Jugendbewegung

Über die Jahrtausende verbreitete sich der Geist der hawaiianischen Vorfahren ungeachtet von Rasse, Kultur und Religion weltweit. Captain Cook, der erste Europäer, welcher 1777 surfende Hawaiianer beobachtete, konnte zwar keinen Sinn in der Tätigkeit sehen, aber doch den Spaß, den diese offensichtlich bereitete.

In den 1990er Jahren sind Boardsports auf Wasser, Asphalt und im Gebirge zur globalen Jugendbewegung geworden. Es gibt weltweit ca. 30 Mio. Snowboarder (Stand: 2001), jeder  4. Amerikaner hat in seinem Leben schon einmal gesurft, und Skateboarding zählt  in den USA zu einer der expansivsten Sportarten. Die Faszination des Gleitens auf dem Board und der Geist der Szene begeistern Jugendliche weltweit.

Für diesen Effekt gibt es verschiedene Erklärungen und jeder hat vielleicht seine eigene. Im Editorial einer Ausgabe des US-Magazins »Surf Guide« werden Surfer mit Musikern verglichen. »Es gibt eine ähnliche Verflechtung von Technik und Gefühl, einen ähnlichen Flow unbewusster Wurzeln und einen ähnlichen Individualismus.«

Auf der  Suche nach einer allgemein gültigen Erklärung und einem roten Faden durch die Geschichte ist vielleicht bereits bei der Beobachtung Captain Cooks 1777 anzuknüpfen: Er sah zwar keinen Sinn in der Tätigkeit, aber wohl den Spaß den die Hawaiianer dabei hatten. …

Zitate zum Boardsport:

»Boardsports lassen sehr viel Freiheit zu – in der Bewegung und im Lifestyle. Es gibt mehr Möglichkeiten als in anderen Sportarten. Es ist nur ein Brett, aber man kann doch so viel damit machen.« Sigi Grabner, Snowboarder

»Skateboarden wurde in Österreich so lange von der Gesellschaft verstoßen und auf der Straße verboten. Trotzdem fasziniert es immer mehr Jugendliche. Die Herausforderung, das Brett zu beherrschen ist grenzenlos.« Roman Hackl, Skateboarder

»Das Surfen vereint Sport und Lifestyle, Du hängst mit Freunden am Strand ab, gehst mit ihnen surfen und ziehst nachts mit ihnen durch die Bars. Vor Wettkämpfen brauchst du kein bestimmtes Training. Du kannst genauso frei surfen wie immer.« Holger Hassenpflug, Surfboarder

 

Chronologie Boarderwear:

1930: Das Universalkleidungsstück der kalifornischen Surfer waren abgeschnittene Levi’s Jeans. In der Zwischenkriegszeit entwickelten sich Surfer zu einer Gegenkultur in der Art von James Dean – zu einem Symbol für Anderssein.

1956: Der kalifornische Surfer Jake O’Neill entdeckte Neopren als das ideales Material für den Surfanzug. Er nannte ihn Wetsuit. Der Werbesolgan: »It’s always Summer on the Inside«.

1958: Die coolsten Surftrunks kamen von Take, einem Schneider in Honolulu. Es war fast unmöglich einen zu bekommen. Ein Großteil der Surfer stand immer noch mit Boxershorts auf dem Board – vier Nummern zu groß und mit einem Kordelzug in der  Taille befestigt.

1965: Die frühen Skateboarder standen wie die Surfer barfuß auf dem Board. Einer der ersten Schuhe an den Füßen der Skateboarder war das Converse Modell »Chuck Taylor«. Der erste erklärte Skateboard-Schuh »Randy 720« war in einer Anzeige von »The Quarterly Skateboarder« zu sehen.

1969: »Plastic Fantastic« das Surfboard-Label der kalifornischen Surfer Dave Garner und Dan Callahan, löste den Trend zu psychedelischen Surfboard-Motiven aus. Alle Surfboard-Hersteller an der Westküste folgten dem Trend. Auch jene, die glaubten, dass »Lucy in the Sky of Diamonds« und »Puff the Magic Dragon« Kinderlieder sind.

1973: Eine Frau namens Lou Ann Lee begann in ihrer Garage Shorts für Skateboarder zu fertigen. Die langlebigen Shorts erschienen unter dem Label »Mad Rats«. Der top vertical rider  Eddi Elguera promotete die Shorts und Lou Ann’s Bruder Brad Dorfman übernahm den Vertrieb. Brad produzierte parallel dazu Skateboards unter dem Label »Vision«.

1975: Der Surfstar Jeff Hakman errang die US-Lizenz für das australische Label Quiksilver und brachte die wegen der guten Passform begehrten Surftrunks nach Kalifornien – zu einer Zeit, als die Australier die gesamte Surfkultur stark beeinflussten.

1978: Mike Rector und Tom Wolfe entwickelten Schutzbekleidung für Skateboarder wie z.B. Handschuhe, Ellbogen- und Knieschutz sowie Skaterhosen mit entfernbaren Pads. Nicht nur Skateboarder machten von den Produkten Gebrauch – auch die New Wave Band »Devo« ging mit Rector Pads auf die Bühne.

1978: Die Surfkultur begann sich mit den Musikrichtungen Punk und New Wave zu vermischen. Totenschädelmotive erschienen auf den Skateboards. Dahinter steckte die kreative Kraft von Vernon Courtland und Johnson bei Powell Corporation.

1980: Gator und andere Skateboarder kamen zu Brad Dorfman (Vision Skateboards) und sagten: »Surfunternehmen möchten uns sponsern, du musst deine eigene Bekleidungslinie machen.« Aus dieser simplen Prämisse wurde Vision Streetwear geboren – und avancierte zur erfolgreichen Mainstream Fashion.

1984: Skateschuhe von Airwalk, Vans und Vision wurden extrem populär, ebenso wie Skateboard-Fashion. Und das auch bei Nicht-Skatern.

1985: Jeff Hakman und Harry Hodge, die ein Jahr zuvor Quiksilver Europe gegründet hatten, schauten sich auf den Skipisten um und beschlossen Surfbekleidung in die Berge zu bringen.

1985: Jake Burton entwickelte einen Snowboard Softboot mit Innenschuh nach dem Vorbild des Modells »Sorel Champion«. Die meisten Schuhhersteller kopierten das Konzept.

1986: Jeff Hakman und Harry Hodge verfielen dem neuen Sport Snowboarding, der für sie eine Kombination aus Surfen und Skifahren war – und fanden darin die ideale Orientierung für das Bekleidungskonzept von Quiksilver Europe. 

1988: Steve Rocco brachte mit seinem im Jahr zuvor gegründeten Skateboard-Label  »World Industries« Humor in die Szene. Seine Board-Graphics zeigten nicht die üblichen Totenschädelmotive, sondern Cartoons.

1989: Für kurze Zeit trat die Snowboard-Szene in eine peinliche Phase ein: Schuld waren die Surfwear Giganten Ocean Pacific und Kemper. Sie verwandelten Teamrider wie Damian Sanders, Dana Nicholson und Andy Hetzel in Glühstäbe auf der Piste. Enge Neonbekleidung und seltsame Grabbing Tricks mit Namen wie »Chicken Salad« oder »Roastbeef« kamen in Mode.

1989: Chris Carter und Mike Hill gründeten das Skateboard-Label »Alien Workshop«. Als eine der ersten, die Produkte mit Alien-Motiven vermarkteten starteten sie mit dieser kontroversen Idee trotz Rezession und Unterkapitalisierung durch.

1989: Sims und Shannon Dunn stellten das erste Signature Snowboard für Damen vor. Zeitgleich reagierten viele technisch orientierte Bekleidungshersteller auf die Nachfrage nach spezieller Damenbekleidung.