Kreislaufwirtschaft

Ein neuartiges Nähgarn könnte die Kreislaufwirtschaft in der Modeindustrie etablieren

Bisweilen scheitert die Kreislaufwirtschaft in der Modeindustrie noch an der zu aufwändigen manuellen Demontage der Kleidungsstücke. Ein hitzelösliches Nähgarn könnte den Prozess automatisieren.

Dieser Artikel erschien am 05.01.2023 auf Innovation Origins

In der Modeindustrie laufen die Prozesse zwar sehr langsam an, aber wenn sie sich einmal bewegen, dann kommen sie schnell in Fahrt, sagt Davidson Leite, Sprecher des belgischen Start-up Resortecs. Das Start-up präsentierte 2018 eine gesamtheitliche Lösung für das Recycling in der Modeindustrie. Und das, obwohl der Co-Gründer Cédric Vanhoeck eigentlich ein eigenes Modelabel anstrebte. Aber als er an der Modeakademie Antwerpen studierte, wurde er mit den drängenden Problemen der Modeindustrie konfrontiert und wollte sich nicht damit abfinden. Zu diesem Zeitpunkt hatte er schon einen Master von der TU Delft  und entschied, das Studium abzubrechen und eine Kreislaufwirtschaft etablieren, die Überproduktion und Überkonsum abbaut und CO2-Emissionen reduziert. 

In dieser Folge der Serie Start-up of the Day spricht Davidson über die Lösung, die Cédric entwickelte – und die Herausforderungen, die es zu bewältigen gab:

Was motiviert euch? 

Die Recyclingquote in der Modeindustrie ist nach wie vor sehr gering. Das liegt daran, dass das Recycling nach wie vor manuell erfolgt und zu aufwändig ist, um rentabel zu sein. Deshalb werden manche Kleidungsstücke gar nicht oder nur in Teilen recycelt. Bei Jeans werden zum Beispiel nur die Hosenbeine recycelt, weil der Leib aus so vielen Nähten besteht, dass er erst gar nicht zerlegt wird. 

Eine zweite Option ist es, die zu recycelnden Kleidungsstücke mechanisch zu zerlegen – sprich zu schreddern. Dabei werden die Fasern allerdings so kurz, dass sie sich nicht mehr für einen geschlossenen Kreislauf eignen und nur mehr im Downcycling  wiederverwertet werden können. 

Das sind die existierenden Methoden, die Cédric mit seiner Innovation ersetzen wollte. 2018 war es dann soweit: Er ließ zwei Produkte in den entscheidenden Märkten patentieren: Smart Stitch, einen Nähfaden, der sich unter Hitzeeinwirkung auflöst und Smart Disassembly, ein ofenartiges thermisches Demontagesystem, welches das Textilrecycling erleichtert. Zwei Innovationen, die in der Modeindustrie erstmals Recycling im industriellen Maßstab ermöglichen. 

Video (c) Reporters – Unseen

Wie können wir uns die Anwendung der Innovationen vorstellen?

Mit Smart Stitch haben wir ein Nähgarn entwickelt, das sich in Optik, Griff und Performance nicht von herkömmlichen Nähgarnen unterscheidet. Es ist in verschiedenen Ausführungen erhältlich, die unterschiedliche Schmelztemperaturen haben. Dadurch eignet es sich für verschiedene Stoffe, Produkte und Anwendungen. 

Mit unserem großen Industrie-Ofen Smart Disassembly kann der Prozess des Zerlegens ohne manuelles Zutun erfolgen. Der Ofen wird ohne Sauerstoff betrieben, dadurch ist kein Feuer involviert und es gibt keine Oxidation. Das ermöglicht den Betrieb des Ofens bei Temperaturen bis zu 190 Grad Celsius. Die hohen Temperaturen sind deshalb notwendig, weil sich die Nähte nicht schon auflösen sollen, wenn die Endverbraucher ihre Kleidung bügeln oder in den Trockner geben. Der Ofen ist energie-effizient zu betreiben, weil er selbst in einem Kreislaufsystem arbeitet und die einmal erzeugte Hitze immer wieder verwendet werden kann. 

Ich verwende gerne eine Analogie und vergleiche Resortecs mit dem Nespresso-Modell: Wobei das Nähgarn die Kapsel ist und die intelligente Demontage der Kleidung die Maschine. In Kombination ermöglicht das System ein einfaches Recycling – und das ohne die Qualität und die designerischen Möglichkeiten zu berühren. 

Was war der größte Stolperstein, der sich stellte? 

Das waren sehr viele (lacht) und es gibt immer noch welche. Aber mittlerweile ist es schon viel einfacher. Es war lange Zeit schwierig, den Unternehmen der Modeindustrie zu erklären, warum die Kreislaufwirtschaft so wichtig ist. Auch noch 2018, nachdem wir den H&M Global Change Award gewonnen hatten. Mittlerweile haben wir so viele Anfragen, dass wir kaum auf alle reagieren können. Wir haben 2021 ein Projekt mit H&M gemacht, vergangenen Sommer mit Bershka und aktuell mit Decathlon. Die großen Unternehmen haben erkannt, dass es höchste Zeit ist, auf den Green Deal der Europäischen Union und die damit verbundene Gesetzgebung zu reagieren. Dazu kommt, dass die Baumwollpreise zuletzt enorm angestiegen sind. Die globale Erwärmung und Covid-19 haben zu einem Rohstoffmangel geführt und stellen produzierende Unternehmen vor eine neue Realität, in der die Kreislaufwirtschaft eine attraktive Option ist. 

Wie laufen diese Kooperationen ab?

Das kommt auf die individuelle Vereinbarung an. Aber grundsätzlich können wir Modeunternehmen das Nähgarn gemeinsam mit dem smarten Demontageprozess anbieten. Wobei wir für letzteres einen Kilopreis haben. Darüber hinaus gibt es bei uns auch Recycling-as-a-Service. Dazu kooperieren wir mit einem europaweiten Netzwerk von Recyclingunternehmen und verlinken diese mit Unternehmen. Auch mit den Recyclern haben wir verschiedene Verträge. Aber grundsätzlich haben sie die Möglichkeit unseren Ofen auf ihren Flächen zu integrieren und von unserem Team bedienen zu lassen. Sobald die Ware aus dem Ofen kommt, können sie diese dem Recycling zuführen. Die Konditionen für das Recycling vereinbaren sie mit den Modeunternehmen, die durch den gesamten Prozess die Eigentümer der Ware bleiben – und verschiedene Optionen haben. Sortierte und qualitativ hochwertige Ware ist am Markt gefragt. Also könnten sie diese verkaufen, aber auch selbst wieder zu Faser, Garn, Stoff und Kleidungsstücken verarbeiten, um den Kreislauf zu schließen. Das ist auch insofern von Interesse, als manche Brands am Ende der Saison oft große Mengen unverkaufter Ware haben – das kann bis zu 40 Prozent gehen. Bis dato wird diese oft noch verbrannt.

Wir verkaufen also nicht nur das Nähgarn und den Ofen, sondern auch das Netzwerk und unsere Expertise. 

Welche Leistungen haben euch wirklich stolz gemacht?

Ich denke, diese Antwort wird jeder im Team anders beantworten. Aber der jüngste große Erfolg war sicher die Aufnahme in den Accelerator des European Innovation Council 2022. Wir waren eines von insgesamt 74 Start-ups, die ausgewählt wurden und erhielten eine Förderung von 2,5 Millionen Euro. Darüber hinaus führen wir mit der Europäischen Investitionsbank noch Gespräche über Kapitalbeteiligungen. Das ist eine große Anerkennung unserer Innovation – vor dem Hintergrund einer Modeindustrie, die noch keine gangbare Lösung hat. Zugleich zeigt es, dass die Förderung der Kreislaufwirtschaft in der Europäischen Union eine hohe Priorität hat. 

Wo möchtet ihr mit Resortecs in fünf Jahren sein?

Als ich vor eineinhalb Jahren zu Resortecs kam, war ich der dritte Vollzeitmitarbeiter. Das Jahr 2023 beginnen wir jetzt mit einem Team von 15 Vollzeitbeschäftigten. Das ist ein exponentielles Wachstum, das von der hohen Nachfrage seitens der Industrie angetrieben wurde. Aktuell führen wir Verhandlungen mit einigen der größten Unternehmen – nicht nur der Modeindustrie, sondern auch der Möbel und Automotive-Industrie. Wir bewegen uns gerade von einer nice-to-have– zu einer must-have-Position. Die Firmen beginnen zu realisieren, dass sie jetzt beginnen müssen, damit sie in zwei Jahren die gesetzliche Mindest-Recyclingquote einhalten und im gleichen Tempo weiterproduzieren können. 

Was macht eure Innovation besser/anders als existierende Dinge?

Derzeit gibt es erst die manuelle und die mechanische Demontage von zu recycelnder Kleidung. Eine automatische Demontage in hoher Qualität und im industriellen Maßstab gibt es noch nicht. Das heißt, wir haben keinen Konkurrenten mit vergleichbarer Performance – und wenn ich von Performance spreche, dann meine ich auch die Umweltbilanz. 

So hat zum Beispiel Coats, einer der größten Nähgarnproduzenten, ein Nähgarn entwickelt, das wasserlöslich ist. Allerdings hat das Unternehmen nur das Nähgarn anzubieten – und die Technologie verliert ihren umweltfreundlichen Charakter, wenn sie auf industriellem Niveau angewendet wird. Weil man die zu recycelnden Kleidungsstücke in industriellen Wäschereien waschen muss und eine chemische Verbindung involviert ist, die zur Verschmutzung des Wassers führt. 

Cédric hat das Problem zu Ende gedacht und kann den gesamten Prozess anbieten. Außerdem arbeiten wir mit einer promovierten Nachhaltigkeitsbeauftragten, die sich auf Lebenszyklus-Analysen spezialisiert hat. Deshalb kennen wir die Auswirkungen unserer Produkte und wissen, dass wir mit Smart Stitch mit Smart Disassembly sowie dem richtigen Recyclingverfahren die Umweltbilanz erheblich verbessern können. Konkret können wir 50 Prozent der CO2-Emissionen, 80 Prozent des Abfalls und 98 Prozent des Wasserverbrauchs einsparen. Allein bei einem Paar Jeans, das etwa 400 Gramm wiegt, können wir die CO2-Emissionen um sieben Kilogramm reduzieren. Das ist ziemlich viel – und etwas, das derzeit niemand außer uns leisten kann. Wir heben uns ab, indem wir die industrielle Optimierung mit der Umweltleistung verbinden. Bei uns im Team kann niemand eine Entscheidung treffen, ohne die Umweltauswirkungen einzubeziehen. 

Last but not least unterstützen wir die Unternehmen, die unsere Lösung integrieren, auch in der Kommunikation. Das tun wir, um Greenwashing zu vermeiden. Die Unternehmen sollen nicht mehr und nicht weniger als die Vorteile unserer Technologie publizieren.   

Danke für das Gespräch.

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