Harry Styles: Spiel mit dem Zeitgeist

Stilporträt: Harry Styles startete seine Musikkarriere schon mit 16 – und gilt heute, zehn Jahre später, als der drittreichste Brite unter Dreißig. Er feiert seine Erfolge nicht nur als Musiker sondern spricht auch ein arriviertes Modepublikum an. In seinen Seventies Anzügen wirkt er wie aus einem Retro Filmsetting von Wes Anderson oder Quentin Tarantino.

Dabei zeigt sich der Sänger höchst eigenwillig. Er lackiert sich die Fingernägel und zieht den Hosenbund fast bis zur Brust. Unlängst machte sich James Corden, in der Serie Carpool Karaoke über seinen Aufzug lustig. Die beiden saßen nebeneinander im Auto und bei jedem Schnitt rutschte der Hosenbund höher – bis Styles fast darin verschwand. Er blieb cool und tat es wieder: Auf dem Cover seines neuen Albums Fine Line werden seine weißen Schlaghosen von pinkfarbenen Hosenträgern hochgezogen.

Dieser Artikel entstand vor der Coronakrise und erschien am 12.06.2020 in Die Presse Schaufenster

So souverän war er nicht immer. Als er 2010 mit der Boygroup One Direction startete, zog er sich an wie sein Kollege Justin Bieber. Der wurde zwei Jahre vor ihm entdeckt und trug enge Hosen, Cardigan und ziemlich viel lila. Eine Stilformel, mit der sich Styles kaum von seinem jungen Publikum unterschied. Für mediale Aufregung sorgten allerdings  seine extrem engen Jeans, die er nach eigenen Angaben in der Damenabteilung kaufte. Ernsthafte Kritik zog er sich aber erst zu, als er einmal mit einer Lammfelljacke auftauchte – und das obwohl er kurz zuvor zum Tierschutz aufgerufen hatte!

Nach diesen ersten Stileskapaden kam er ziemlich schnell auf den Anzug, den er schon 2013 trug, bei der Verleihung des British Style Award, der jährlich an die bestgekleideten Briten verliehen wird.

2017 veröffentlichte Styles seine erste Solo-Single Sign of the Times und erreichte damit Platz eins der britischen Charts. Er hatte sich auf Retro West Coast Seventies Rock eingesungen und gewann prominente Unterstützer wie Elton John und Stevie Nicks, die Frontfrau von Fleetwood Mac.

Im Rückblick ist der Inbegriff der männlichen Garderobe zur Konstante in seiner Stilbiographie geworden. Wobei es bei Styles weniger darum geht, was er trägt, sondern wie er es trägt. Harry Styles spielt mit Humor und kindlicher Naivität mit den Gegensätzen von feminin und maskulin und hinterfragt damit die Vorstellungen von Geschlechterrollen und Männlichkeit.

Zur MET Gala 2019 trug er eine transparente schwarze Schluppenbluse, die den Blick auf seinen tätowierten Oberkörper freigab. Der Hosenbund war noch höher als gewöhnlich – und reichte bis zur Brust. Bei den Brit Awards 2020 wechselte er seine Garderobe dreimal: Am roten Teppich erschien er mit einem rostbraunen Anzug von Gucci und zum Dinner in einem knallgelben Anzug von Marc Jacobs. Eigentlich war er gekommen, um den Song Falling aus seinem neuesten Album Fine Line zu performen. Und das tat er in einem weißen Spitzenoverall von Gucci – den er barfuß trug.

Feminine Stilzitate. Frauen scheinen seine femininen Stilzitate als Annäherung zu empfinden. Er soll schon mit Celebritys wie Taylor Swift, Kendall Jenner und dem österreichischen Model Nadine Leopold gedatet haben.

Aber auch von der Modefront kommt Zustimmung. Leandra Medine vom intellektuellen Modeblog Man Repeller postete auf Instagram Detailfotos von einem seiner Styles zu den Brit Awards: Das dunkle Rostbraun des Anzugs, das mit dem lilafarbenen Pullover äußerst gewagt wirkt, die lilafarbenen Fingernägel, der weiße Spitzenkragen und die Perlenkette, die an Lady Di erinnern – und die kindlichen Mary Jane-Schuhe, die mit dem Dresscode der Gothic Lolitas assoziiert sind.

„Androgynous Grandma Chic“ kommentiert eine Userin, „this was my moms dream look for me in 2nd grade“, eine andere und „very Wes Anderson“ eine dritte.

So freundlich sind die Kommentare in den Medien nicht immer. Manche nennen ihn auch einen Clown oder einen Bowie-Möchtegern. Und tatsächlich trägt er auf dem Cover seines Albums Fine Line fast die gleiche Hose wie David Bowie 1983. Der Vergleich dürfte sich allerdings auf das Äußere reduzieren. Denn Bowie hatte viele Bühnenpersönlichkeiten Styles möchte er selbst sein, weil er denkt, dass das gerade viele Leute brauchen. Gegenüber dem Guardian sagt er: „Wenn ich etwas sage, dann möchte ich, dass die Leute denken, ich meine das auch wirklich so.“

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LOVE ON TOUR 2020.

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Den Ausdruck seiner wahren Persönlichkeit fand er offenbar in der Kollektion Gucci. Der Kreativdirektor Alessandro Michele unterscheidet nicht mehr zwischen männlichen und weiblichen Bekleidungskonventionen und inszeniert in seinen Shows eine anderweltliche Atmosphäre aus Seventies Retro und Subkulturen wie etwa Gothic.

Michele leitete 2015 eine Stilwende ein, mit der niemand gerechnet hatte: Während seine Kollegen vernünftige Alltagskleidung designten, schwelgte er in farbenprächtigen floralen Dessins, opulenten Silhouetten und absurden Dekorationen. Wie sich später herausstellte, war es der Wechsel auf die Befindlichkeit einer neuen Zielgruppe. Der eklektische Stil brachte metamoderne Referenzen ins Spiel – nach Luke Turner (2011) eine romantische Antwort auf die Probleme unserer Zeit.

Styles ist Micheles Muse und holt diese Atmosphäre runter vom Laufsteg und rein ins Leben – oder zumindest auf den roten Teppich. Umgekehrt bringt er sein verspieltes Naturell auch in die Kampagnen des italienischen Labels ein. In einer Fotoserie taucht er mit einem Huhn auf dem Arm auf – in einem anderen spielt er mit kleinen Schweinchen und Lämmchen. Unverkrampfte Szenarien, die sich deutlich von etablierten Luxusmodeimages absetzen und zeigen, dass Mode zumindest in Genderfragen einen Unterschied machen kann.

Bei jungen weiblichen Musikstars ist es gerade cool, feministisch zu sein. Zuletzt war es die 18-jährige Billie Eilish, die das Thema in den öffentlichen Diskurs brachte. Sie trägt weite Kleider, weil sie nicht nach ihrem Körper, sondern nach ihren Fähigkeiten beurteilt werden will.

Harry Styles findet seinen unentschiedenen Stil einfach fun und cool – und zieht Parallelen zur Musik, wo die Grenzen zwischen den Genres auch gerade verfließen. Dass es die Medien mit seiner Sexualität in Verbindung bringen, sei Teil des Jobs. Gegenüber dem Guardian sagte er: “Sich darüber zu beschweren, wäre einfach dumm. Man respektiert, dass jemand fragt und man hofft, dass derjenige es auch respektiert, womöglich keine Antwort zu bekommen.“

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