Schneiderei für maßgefertigte Technologien

Von personalisierten Wearables können Endverbraucher nur träumen. Die Künstlerinnen von Kobakabant wollten das zumindest temporär ändern. Sie eröffneten eine Schneiderei für maßgefertigte Technologien und boten ihre Leistung zu erschwinglichen Preisen an.

Hannah Perner-Wilson und Mika Satomi lernten sich 2006 an der Kunstuniversität Linz kennen und arbeiten seither gemeinsam an künstlerischen Projekten. Die Tatsache, dass E-Textilien vor der Industrialisierung stehen, veranlasste sie, ein Papier zur Zukunft des elektronischen Textilhandwerks zu verfassen, das zum Internationalen Symposium Elektronische Kunst in Istanbul 2011 veröffentlicht wurde. Inspiriert von ihren Ideen in dem Papier, fertigten sie 2012 Crying Dress – eine Art Trauerkleid. Mit Stromkreisläufen verziert, weinte es gemeinsam mit seinem Träger. Crying Dress war ein Plädoyer für eine handwerklich orientierte technologische Zukunft, welche die vorherrschende Entqualifizierung und Ausbeutung im Elektronik- und Textilsektor ablöst.

Dieser Artikel erschien am 17.01.2019 auf innovationorigins.com/de

Kobakabant

Im selben Jahr gründeten Satomi und Perner-Wilson das Künstlerkollektiv Kobakabant in Berlin. Perner-Wilson: „Wir wollten nie einfach nur Produkte designen und produzieren. Für uns waren E-Textilien und Wearable Technologie immer ein künstlerisches Medium, ein narratives Tool, um soziale und technologische Probleme zu kommentieren.“

Den Grundstein zu ihrer Arbeit legte die Datenbank How to get what you want. Die Datenbank dient der Dokumentation aller Wearable Technologien und Schaltkreise, welche die beiden seit 2007 entwickelt haben. Im Open Source-Modus sollen die Designs inspirieren und zum do-it-yourself animieren. In der Zwischenzeit ist die Datenbank nur mehr eines von mehreren Projekten auf der Website von Kobakabant. Aber How to get what you want sollte zum Leitmotiv ihrer Arbeit werden.

Wear Sustain

Ihre Projekte bauen aufeinander auf. Allen gemeinsam ist die Idee, Wearable Technologien allen zugänglich zu machen. Zuletzt nutzten sie die Förderung Wear Sustain im Rahmen des EU Horizon 2020-Programms, diese Vision umzusetzen. Ohne monetäre Förderung wäre das Projekt nicht möglich gewesen. Satomi: „Wenn zwei Menschen zwei Wochen lang an einem Stück arbeiten, müsste das 4000 Euro kosten. Tatsächlich zahlten sie dreihundert bis 1000 Euro. Das sind kleine teure Kleidungsstücke. Aber zuvor konnten sie nicht mal daran denken, diese zu kaufen. Jetzt konnten sie.“

Ziel des Förderprogramms war die Unterstützung von kritischen, ethischen, nachhaltigen und ästhetischen Technologien. Vorgesehen war eine über sechs Monate laufende Förderung, die im Februar 2018 endete.

Langlebigkeit

Der nachhaltige Ansatz von Kobakabant ist Langlebigkeit. Ausgehend davon, dass ein Nutzer, der in den Kreationsprozess eingebunden ist, ein nach seinen Bedürfnissen gefertigtes Produkt länger nutzen wird. Darüberhinaus verfügen die Produkte auch über relevante Eigenschaften. Unter anderem sind diese robust, dauerhaft, zeitlos, einfach zu warten, reparierbar und hackbar. Wie Satomi erklärt, kann der Nutzer das Produkt zur Reparatur bringen oder mit Reparaturanleitung selbst reparieren.

Durch ihren künstlerischen Zugang zu E-Textil und Wearable Technologie setzten Satomi und Perner-Wilson ihrer Fantasie nie Grenzen. Die Teilnahme an Wear Sustain nutzten sie, um ihre Vision zurück in die Wirklichkeit zu holen – und zu erforschen, was sich Endverbraucher von Technologie wirklich erwarten.

Perner-Wilson: Wir wollten keine bestimmte Gruppe erreichen, sondern möglichst viele. Die Frage war, wie wir sie erreichen und wie wir sie zum Denken bringen.“

Schneiderei für maßgeschneiderte Technologie

Schließlich einigten sie sich auf eine Schneiderei für maßgeschneiderte Technologien, welche sie Koba nannten. Sie mieteten ein Lokal in Berlin Kreuzberg, um Laufkunden anzuziehen – wie der Laden um die Ecke.

Die Schneiderei für maßgeschneiderte Technologien war eine Art Showroom, in dem eine Reihe von Prototypen zu sehen waren, welche die konzeptionellen, technischen und ästhetischen Möglichkeiten zeigten. Zusätzlich war es ein Ort, an dem man sich austauschen konnte. Am Anfang wurden Experten-Talks zu Themen wie Industriedesign, Nachhaltigkeit, Datenschutz etc. durchgeführt. Später ging man zu Workshops über.

Perner-Wilson: „Wir fanden heraus, dass es längere Gespräche braucht, um in den Designmodus zu kommen. Laufkunden haben diese Zeit oft nicht.“

 

Hannah Perner-Wilson und Mika Satomi vom Label Kobakabant in der Schneiderei für maßgefertigte Technologien (c) Plusea
Wie Satomi erklärt, sind sie weniger am nächsten großen Ding als an mehr Diversität interessiert. (c) Plusea

Dokumentation

Trotzdem ließen die Aufträge nicht lang auf sich warten und das Projekt entwickelte sich rasch zur Vollbeschäftigung. Nachdem das Förderprogramm ausgelaufen war, entschieden sie, das Projekt um weitere elf Monate zu verlängern. Ende Januar 2019 läuft das Projekt endgültig aus und die entstandenen Produkte werden ausgestellt. Die Geschichten ihrer Kunden, die Arbeit an den Prototypen und ihre Produktionserfahrungen wurden dokumentiert und wieder allen Interessierten zur Verfügung stehen. Einzelne Projekte sind schon jetzt auf der Website nachzulesen.

Ein wesentlicher Befund des Projekts, ist, dass die Kunden nicht für absurde Dinge zu begeistern waren, sondern nützliche Dinge wollten. Perner-Wilson: „Man will nicht Zeit und Geld in Dinge investieren, die nicht nützlich sind.“

Nützliche Dinge

Etwa die Hälfte der Kunden waren Künstler und wünschten sich elektronisch erweiterte Teile, die auf der Bühne zu nutzen sind. Darunter war eine Darstellerin, die ein gehäkeltes Cape beauftragte. Dieses sollte die Bewegungen einfangen, welche das Publikum andernfalls möglicherweise nicht sehen würde. Das Cape fühlt ihre Bewegungen über die integrierten Sensoren und gibt Feedback. Die Darstellerin entscheidet, wie sie die Daten nutzt – ob bestimmte Impulse das Tonvolumen regulieren oder einen Ton auslösen …

Einem Kunden fehlte das letzte Glied an einem Finger und er wollte Fingersensoren mit einer Schnittstelle, damit die Prothese der Bewegung des zentralen Fingergelenks folge. Der Sensor war via Band mit einem Microcontroller am Handgelenk verbunden. Der Kunde war verärgert, weil die Prothesen patentiert sind und der Markt von wenigen Firmen kontrolliert wird. Deshalb wollte er seine Entwicklung anderen Betroffenen kommunizieren.

Über Mika Satomi und Hannah Perner-Wilson:

Mika Satomi hat einen Bachelor in Graphikdesign von der Zokei Universität in Tokyo und einen Master in Media Creation vom japanischen Institut IAMAS. 2009 forschte sie am Distance Lab in Schottland an Methoden, textiles Handwerk und Technologie zu verbinden. Dem folgten zwei Jahre Forschungsarbeit im Smart Textile Design Lab am Textilehögskolan in Borås (Schweden). Von 2014 bis 2016 war sie Gastprofessorin am eLab in der Weißensee Kunsthochschule Berlin.

Hannah Perner-Wilson hat einen Bachelor in Industrial Design von der Universität für Kunst und Industriedesign Linz und einen Master in Media Arts and Sciences vom MIT Media Lab an der Universität Massachusetts Institute of Technology, wo sie Student in der High-Low Tech Forschungsgruppe war. 2009 war sie im Forschungsteam des Distance Lab in Schottland.

 

 

 

Wie Satomi erklärt, sind sie weniger am nächsten großen Ding als an mehr Diversität interessiert.

 

 

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