Streetstyle-Photographie

Bill Cunningham: Begründer der modernen Streetstyle-Photographie.

Bill Cunningham gilt als Erfinder der modernen Streetstyle-Photographie. Er war in den frühen 1970-er Jahren der erste, der auf den Straßen von New York gekonnte Styles von Passierenden photographisch festhielt. Der Dokumentarfilm Bill Cunningham New York (2011) gibt Einblick in seine Arbeit.

erschienen in Textil Zeitung am 3. August 2012

Foto oben: Die Chefin der US-Vogue, Anna Wintour, posiert für Bill Cunningham (c) Bill Cunningham

Bill Cunningham fotografierte mehr als 50 Jahre Streetstyles und das stets mit großer Begeisterung. 2008 wurde ihm vom französischen Kulturministerium in Paris der Titel »Officier de l’ordre des Arts et des Lettres« verliehen, der Personen mit herausragenden Leistungen im Kreativbereich gewidmet ist. Damals erklärte er, dass er seine Arbeit nicht als Arbeit empfinde. Vielmehr gehe er Tag für Tag auf die Straße um Spaß zu haben. Diese Begeisterung und sein Eigensinn haben ihn zur Ikone der globalen Modeindustrie werden lassen. Sein Talent ist auch Anna Wintour, Chefin der amerikanischen Vogue, nicht entgangen. Wie sie in dem Dokumentarfilm anmerkt, fotografiere Cunningham das, was andere nicht sehen – und sei damit immer eine Saison voraus. Sie selbst wurde von ihm schon in ihrer Zeit als Model fotografiert und legt höchsten Wert darauf. Denn, nicht fotografiert zu werden, sei »der Todestoß«, so Wintour.

Dialog mit der Straße

Im Dokumentarfilm wurde Cunningham von der Kamera durch den Alltag begleitet: der Photograph ist auf New York’s Straßen, in Eventhallen und Redaktionsräumen zu sehen. Ob Tag oder Nacht – er ist stets auf seinem Fahrrad unterwegs, seinem 29. übrigens. Die 28 davor wurden ihm – Rad für Rad – gestohlen. Seine Ausrüstung trägt Cunningham  immer am Körper. Er zieht zwischen Hemd und Jacke eine französische Arbeitsjacke, weil sie die Kleidung schont, so Cunningham, und genug Taschen hat, um Stift, Block und Filme zu fassen.

Die Art, wie Cunningham seine Sujets auswählt, weist ihn als Kenner und Gentleman aus. Er ist stets freundlich und distanziert und doch auf der Suche. Entdeckt er eine gut gekleidete Passantin, ist seine Begeisterung unübersehbar. Dabei arbeite er nicht nach vorgefassten Konzepten. Vielmehr lasse er die Straße zu sich sprechen, so seine Worte.

Am Ende interpretiert er seine Fotos wie ein Moderedakteur: Er sortiert nach Themen. Einmal hat er die Schuhe im Fokus, ein anderes Mal die zunehmend tief gerutschten Hosen der Generation HipHop.

Eigenwillig

Cunningham kreierte seinen Beruf selbst und hat dabei nie etwas gemacht, wovon er nicht selbst überzeugt war. Auch wenn es das Ende einer Zusammenarbeit bedeutete. So legte er seine Arbeit bei Women’s Wear Daily nieder, als er – anders als der Chefredakteur – den verheißungsvollsten Designer der 1960er Jahre in Courrège und nicht in Yves Saint Laurent sah. Später, bei Arbeiten für das Magazin »Details«, setzte er seinen Stil durch, indem er honorfrei arbeitete. Sein humorvoller Kommentar:

»Money is the cheapest. Freedom is the most expensive.«

Cunningham wohnte bis 2010 in einem winzigen Künstleratelier inmitten von Archivkästen und Fotoboxen in der New Yorker Carnegie Hall. Mit dieser bescheidenen Unterkunft konnte er sich diese Lebensauffassung leisten.

Auf seiner Suche nach den bestgekleideten Passanten, hatte er unbewusst auch Stars fotografiert. Greta Garbo trug einen Nutria Mantel und er hatte wegen der besonderen Schulterverarbeitung auf den Auslöser gedrückt. Er sah nie fern, ging nie ins Kino und erkannte sie nicht. Als er die Fotos 1978 Arthur Gelb, dem Herausgeber der New York Times vorlegte, bedeutete dies den Beginn einer guten Zusammenarbeit – und einen Wendepunkt in der Geschichte der Mediums: Erstmals wurden Bilder bekannter Personen ohne deren Erlaubnis veröffentlicht.

Die Schönheit angewandter Modestile

Die übliche Art der Modedarstellung lag Cunningham nicht. Für ihn war die Straße der aufregendere Laufsteg – und Mode notwendig, um den Alltag zu überleben.

Einmal machte er mit seinem eigenwilligen Stil auch schlechte Erfahrungen. Er stellte den Streetstyles das jeweilige Äquivalent am Laufsteg  gegenüber und  die Leserinnen waren wenig begeistert. Sie fühlten sich neben den Models einfach nur unperfekt. Er selbst fand die straßentauglichen Interpretationen erfrischend unkompliziert, setzte das Thema aber nicht fort.

Die negativen Reaktionen der Leserinnen trafen ihn, weil er in den Streetstyles die Schönheit angewandter Modestile betonen wollte. Umgekehrt sei ihm auch in seinen Laufstegfotos wichtig, dass Kleider nicht nur für Models sondern auch für Konsumentinnen tragbar seien, so Cunningham im Dokumentarfilm.

Kamera als Notizbuch

In Boston als Sohn einer irisch-katholischen Familie geboren, zog es Cunningham gegen den Willen seiner Eltern in die Modeindustrie. Männer, die in der Mode arbeiteten, waren im Amerika der 1940-er Jahre suspekt. Nach einem Semester in Harvard und zwei Jahren in einer New Yorker Werbeagentur startete er trotzdem eine Karriere als Hutmacher. Als er zu Beginn der 1950er Jahre in den Korea-Krieg ziehen musste, gab er das Atelier auf. Nach seiner Rückkehr arbeitete er als Moderedakteur. Seine Karriere als Fotograf nahm 1966 ihren Anfang, als ihm sein Freund David Montgomery eine 35$-Kamera schenkte – mit der Empfehlung, diese wie ein Notizbuch zu benutzen.

Cunningham selbst relativierte seinen Status als Begründer der Streetstyle-Photographie und wies auf die Anfänge der Society- und Street-Photographie zur Jahrhundertwende hin. Damals begannen die Seeberger Brothers in Paris mit der photographischen Dokumentation der High Society auf Pferderennplätzen, in Ferienressorts und in Kaffeehäusern. In den 1920-er Jahren war es Jaques Henri Lartigue der das Leben der reichen und schönen Pariserinnen dokumentierte. Vor Cunningham waren es aber eher die Celebritys als die Kleidung, die fotografiert wurden.

Der Dokumentarfilm Bill Cunningham New York von R: Richard Press, wurde im Mai 2011 veröffentlicht. In Wien war er im Rahmen des Summer of Fashion im Museumsquartier am 13.07.2012 zu sehen.

Nachtrag:
Bill Cunningham ist am 25. Juni im Alter von 87 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls verstorben. Dazu folgender Link:
http://www.spiegel.de/stil/bill-cunningham-new-yorker-fotografen-legende-verstorben-a-1099874.html

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