Der ehemalige UNO-Diplomat Shashi Tharoor veröffentlichte 2024 ein Buch über die ausbeuterische Kolonialherrschaft der Briten in Indien. Zu dieser Zeit fußte Indiens Wirtschaft wesentlich auf der Produktion von bemalten und bedruckten Stoffen aus Baumwolle. Die Stoffe waren sehr begehrt und das Land war bis zur frühen industriellen Revolution in Europa (2. Hälfte des 18. Jh.s) das Zentrum der weltweiten Textilproduktion.
Hildegard Suntinger
Foto oben: Indigoterie in Bengalen um 1867. Die oben liegenden Becken dienen der Vergärung von Indikan, die unteren Becken der Oxidation von Indoxyl zum Indigo (c) Von William Simpson – http://www.bl.uk/onlinegallery/onlineex/apac/other/largeimage66601.html, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=32880826
Noch zu Beginn des 18. Jahrhunderts lag Indiens Anteil an der Weltwirtschaft bei 23 Prozent. Damit war das bevölkerungsreiche Land gleichauf mit Europa. Das änderte sich, als sich ab dem 17. Jahrhundert mehrere europäische Mächte in Indien engagierten, um Handel zu treiben – darunter die Portugiesen, Niederländer und Briten. Am Ende setzten sich die Briten durch und führten über 200 Jahre ein ausbeuterisches Kolonialregime. Seither muss das einst florierende Indien oft als Sinnbild der Armut herhalten, schreibt der ehemalige UNO-Diplomat und Politiker der indischen Kongresspartei, Shashi Tharoor, in seinem Buch.
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Man musste Tharoor erst davon überzeugen, das Buch zu schreiben, denn er dachte, die ausbeuterischen Praktiken der Briten seien allgemein bekannt. Bis er eine kurze Rede an der Oxford Universität hielt, in der er zur Frage referierte, ob Großbritannien seinen ehemaligen Kolonien Reparationszahlungen schulde. Die Rede ging viral, wurde in den ersten 24 Stunden sechs Millionen Mal geteilt und stieß eine rege wissenschaftliche Diskussion an.
Das britische Kolonialregime habe sich nach außen als wohlwollende Herrschaft dargestellt, so Tharoor. Er selbst nimmt in seinem Buch die Sicht des kolonisierten Volkes ein und nennt zahlreiche Fakten, die dieses Selbstbild der Briten demontieren und deren autoritäre Kontrolle offenlegen. Das Buch erschien im Aufbau Verlag unter dem Titel Zeit der Finsternis – das britische Empire in Indien.
Textiltradition Indiens
Die indische Textilindustrie hat vorgeschichtliche Ursprünge. Früheste Textilfunde aus dem 3. Jahrtausend vor Christi beweisen, dass es schon damals ein fortgeschrittenes Verständnis der Farbfixierung gab. Als ab dem 6. Jahrhundert v. Chr. Handelsrouten nach Persien und Griechenland führten, erlangten die Stoffe dort große Beliebtheit.
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Im 16. Jahrhundert n. Christi trafen die ersten Baumwollstoffe aus Indien in Europa ein. Die Stoffe hatten leuchtende Farben und waren aufwändig bemalt oder bedruckt. Die Europäer nannten sie ihrer Herkunft entsprechend Indiennes. Das Bemalen von Baumwollstoffen wurde in Indien spätestens seit dem 2. Jahrtausend v. Chr. entwickelt. Es erforderte hohe künstlerische Fertigkeiten und ein spezielles technisches Wissen im Umgang mit den verwendeten Pflanzenfarben. Die pflanzlichen Farbstoffe wurden in komplizierten und langwierigen Verfahren mit Beizmitteln oder Metallsalzen fixiert. Techniken, die über Jahrhunderte überliefert und weiterentwickelt worden waren. Weshalb die Qualität der indischen Baumwollstoffe lange Zeit unerreicht blieb. Die bemalten Stoffe wurden in Indien zunächst Kalikos genannt. Später bürgerte sich der Name Chintes – abgeleitet vom Hindi-Wort chint (abwechslungsreich) ein.
Raub und Unterwerfung
Ursprünglich nach Indien gekommen, um Handel zu treiben, übernahmen die Briten zunehmend die Kontrolle der politischen Strukturen. Ab 1756 unterwarf die private Handelsgesellschaft East India Company weite Teile des Landes. Wie Tharoor in seinem Buch ausführt, sei das Unternehmen in London bestens vernetzt gewesen. Viele Parlamentarier seien am Unternehmen beteiligt gewesen und das habe es der East India Company leicht gemacht, in London Rechte einzufordern.
U.a. erhielt das Kolonialregime das Recht, sich mit Waffen zu verteidigen, setzte diese aber bald auch offensiv ein. Dabei spielte den Briten in die Hände, dass Indiens politische Strukturen zu dieser Zeit am Zerfallen waren. Mit mafiösen Taktiken entmachteten sie sukzessive geschwächte hinduistische Maharadschas und muslimische Nawabs und raubten deren Schatzkammern aus. Zum Beispiel boten sie den Fürsten Schutz an und wenn dieser ablehnte, dann sagten sie: „Aber ja doch, wir stationieren Truppen hier, die du bezahlst – und wenn du dich weigerst, dann greifen wir dich an.“ Manchmal griffen die Briten den Fürsten selbst dann an, wenn er kooperierte, und übernahmen sein Reich.
Auch beraubten sie die indischen Bauern ihrer Böden, die diese seit Generationen bewirtschaftet hatten. Sie zwangen sie, Grundsteuer zu zahlen und anstelle von Nahrungspflanzen Baumwolle anzubauen.
Am 23. Juni 1757 besiegten die Briten die Truppen des Nawab in der Schlacht bei Plassey und setzten einen eigenen Nawab für Bengalen ein.
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Vernichtung der Konkurrenz
Indische Textilien waren in Großbritannien wegen ihrer feinen Qualität sehr beliebt und das störte die britischen Textilhersteller. Grund für die East India Company, die indische Konkurrenz zu ruinieren, indem sie diese um ihre Exportmärkte beschnitt und damit langjährige unabhängige Handelsbeziehungen beendete.
Aber indische Textilien waren so billig, dass die britischen Textilhersteller preislich nicht mithalten konnten. Deshalb drängten diese darauf die indischen Hersteller ganz vom Markt verschwinden zu lassen. Woraufhin die Soldaten der East India Company systematisch die Webstühle der bengalischen Weber zertrümmerten. Überlieferungen zufolge, brachen sie den Webern auch die Daumen, damit diese ihr Handwerk nicht mehr ausüben konnten.
Die Folgen der Ausbeutung
In der Kolonialzeit floss der größte Teil der beträchtlichen Deviseneinnahmen Indiens direkt nach London. Dies beeinträchtigte die Fähigkeit des Landes, Maschinen und Technologie zu importieren, um die Wirtschaft zu modernisieren, erheblich. Andere, nicht kolonialisierte Länder wie z.B. Japan taten dies in den 1870er Jahren, um konkurrenzfähig zu bleiben.
Als die East India Company im Jahr 1600 gegründet wurde, erwirtschaftete Großbritannien gerade einmal 1,6 Prozent des weltweiten BIP. Indien dagegen etwa 23 Prozent (27% im Jahr 1700). Zwischen 1900 und 1946 stagnierte das Pro-Kopf-Einkommen in Indien nahezu, obwohl das Land vor 1929 drei Jahrzehnte lang den zweitgrößten Exportüberschuss der Welt verzeichnet hatte.
1940, nach fast zwei Jahrhunderten des British India (RAJ), betrug Großbritanniens Wirtschaftsleistung global fast zehn Prozent. Indessen war Indien zu einem mittellosen Dritte-Welt-Land geworden – einem weltweiten Symbol für Hunger und Armut. Die Bevölkerung lebte zu 90 Prozent unterhalb dessen, was wir heute als Armutsgrenze bezeichnen würden.
Ausstehende Wiedergutmachung
In Tharoors Buch geht es nicht um Reparationszahlungen, sondern um Fakten, die die Narrative der Briten demontieren und deren ausbeuterisches Regime offenlegen. Aber in der Einführung geht der Autor doch kurz darauf ein. Er referiert auf die indische in Oxford promovierte Wirtschaftswissenschafterin Utsa Patnaik, die versuchte, eine angemessene Summe für Reparationszahlungen zu errechnen. Sie kam auf die astronomische Summe von 45 Billionen Dollar – die schlicht nicht zahlbar wäre. Denn das entspräche dem Fünfzehnfachen des gesamten Bruttoinlandsprodukts Großbritanniens.
Die Wiedergutmachung sollte nicht allein durch Reparationszahlungen erfolgen, sondern drei Formen annehmen, fordert Tharoor:
- Die Rückgabe der geraubten Artefakte aus der Kolonialzeit;
- die ungeschönte Geschichte der Kolonialzeit als Unterrichtsstoff an britischen Schulen;
- die Einrichtung eines Museums zum Kolonialismus in der Hauptstadt des Empire mit britischen Steuergeldern und vor allem durch eine aufrichtige Entschuldigung bei den Opfern des Kolonialismus;
Mit dieser Forderung bezieht sich Tharoor auf die Empfehlungen der UNO-Menschenrechtskommission, welche der Staatengemeinschaft in ihrem jüngsten Bericht eine Kombination verschiedener Maßnahmen empfiehlt. Basis der Menschenrechtskommission ist die Durban-Erklärung aus 2001, die nicht bindend ist, aber als Anhaltspunkt dient.
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Veränderung des Narrativs
Bis heute ist der von den Indern geraubte Koh-i-Noor Teil der britischen Kronjuwelen im Tower zu London. Es ist einer der größten Diamanten weltweit, der infolge der Sikh-Kriege (1848-1849) in den Besitz der britischen East India Company überging. Eine Entschuldigung seitens der Briten steht bis heute aus. Karwan Fatah-Black, Assistenzprofessor für Kolonialgeschichte an der niederländischen Universität Leiden sagte im ORF Interview (28.12.2024): „Großbritannien ist der Ansicht, dass der Rest der Welt ihnen für die Abschaffung der Sklaverei dankbar sein muss und nicht, dass es sich dafür entschuldigen muss, dass man unter den größten Sklavenhändlerländern der Geschichte war.“
Aber auch die indische Regierung ist zur Aufarbeitung der kolonialistischen Vergangenheit gefordert. Denn nach wie vor gelten in Indien veraltete koloniale Gesetze. Das gilt insbesondere für das Rechts- und Bildungssystem.
Hildegard Suntinger
