Indienne, Schweiz, Kolonialismus, Textilindustrie

Die Schweizer Textilindustrie als Profiteur des Kolonialismus

Die Ankunft der ersten indischen Baumwollstoffe in Europa war revolutionär. In leuchtenden Farben und kunstvollen Mustern, waren sie nicht nur pflegeleichter als Seide, sondern auch billiger. Von den Europäern kopiert, erreichte die Nachfrage Mitte des 18.Jh.s ihren Höhepunkt. Der größte Hersteller der sogenannten Indiennes befand sich in Cortaillod im Kanton Neuchatel – und der atlantische Dreieckshandel machte die Schweiz zum Profiteur des Kolonialismus.

Foto oben: Indienne, Textilmuseum von Wesserling, Elsass (Frankreich) (c) Rémi Stosskopf, Public domain, via Wikimedia Commons – https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/21/Indienne%2C_Wesserling.JPG

Die Textilgeschichte der Schweiz reicht bis ins frühe Mittelalter zurück. Leinen konnte regional angebaut werden und wurde in der Ostschweiz gesponnen und gewebt. Im 18. Jh. wurde das Spinnen und Weben zu einem wichtigen landwirtschaftlichen Nebenerwerb – besonders auf kleinen Höfen. Damals beschäftigte die Schweizer Landwirtschaft zwar viele Menschen, brachte aber wenig ein. Der Nebenerwerb deckte den täglichen Bedarf und ermöglichte auch den einen oder anderen Luxus, wie etwa Kaffee oder bessere Kleidung.

Es war die Zeit des Zunftwesens und in manchen Städten waren alle Bürger in einer Zunft – und somit in Berufsgruppen, welche die Regierung stellten. St. Gallen in der Ostschweiz war das Zentrum der Leinenherstellung und das Monopol für den Leinenvertrieb lag bei der Stadtregierung. Diese widersetzte sich Neuerungen und verfolgte eine protektionistische Geschäftspolitik. Das änderte sich erst mit dem Verlust des Vertriebsmonopols.

Chintz

1717 siedelte sich Peter Bion in St. Gallen an. Er war wahrscheinlich hugenottischer Abstammung und betrieb Handel mit Fernostwaren wie etwa Gewürzen und Baumwollstoffen. Anders als Leinen, wächst Baumwolle nur in tropischen und subtropischen Regionen und Inder hatten eine lange Tradition in der Herstellung von Baumwollstoffen. Von Hand gefertigt, waren diese bemalt oder bedruckt. Bekanntheit erlangten sie zunächst unter der englischen Bezeichnung Chintz (vom Hindi-Wort Chint = Abwechslung).

Das Bemalen von Baumwollstoffen wurde in Indien spätestens seit dem 2. Jahrtausend v. Chr. entwickelt. Es erforderte hohe künstlerische Fertigkeiten und ein spezielles technisches Wissen im Umgang mit den verwendeten Pflanzenfarben. Die Farbstoffe kamen von Pflanzen wie Krapp (Rot), Indigo (Blau) und Reseda Luteola (Gelb). Zu deren Fixierung waren komplizierte und langwierige Verfahren mit Beizmitteln oder Metallsalzen anzuwenden. Die Färbe-, Druck- und Maltechniken der Inder blieben lange Zeit unerreicht und das Land war bis zur europäischen industriellen Revolution – ab der 2. Hälfte des 18. Jh.s – das bedeutendste Zentrum der weltweiten Textilproduktion.

Blauer Farbstoff aus der Indigopflanze, Indiennes, Indiens
Blauer Farbstoff aus der Indigopflanze (c) https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Indigo-guizhou.jpg

Indiennes

Die ersten indischen Baumwollstoffe waren schon im 16. Jh. in Europa eingetroffen und lösten große Begeisterung aus. Man war fasziniert von den leuchtenden Farben und den Dessins, die der herrschenden Vorliebe für Chinoise entsprachen. Die indischen Hersteller hatten chinesische und südostasiatische Muster eingebracht, um ihre Stoffe für die Exportmärkte attraktiv zu machen. Aber nicht nur die Ästhetik begeisterte. Die Stoffe waren viel pflegeleichter als Seide und hatten einen höheren Tragekomfort als Wolle und Leinen. Zudem waren sie billiger.

Aber es dauerte nicht lange, bis die Stoffe, die wegen ihrer indischen Herkunft Indiennes genannt wurden, in Europa nachgeahmt wurden. Der Überlieferung nach waren es Armenier, die die Indienne Industrie in Frankreich im Jahr 1640 begründeten. Die Stoffe blieben zunächst weit hinter der Qualität der indischen Originale zurück. Aber sie wurden so beliebt, dass Ludwig der XIV. (der Sonnenkönig) 1686 die Herstellung unter dem Druck der heimischen Woll-, Seiden- und Leinenhersteller verbieten musste.

Strukturwandel

In der Schweiz wurde die Indiennes Industrie von Hugenotten begründet, die infolge der Aufhebung der Glaubensfreiheit geflüchtet waren. Sie ließen sich bevorzugt im französischen Grenzgebiet nieder – um Schleichhandel zu betreiben und die Stoffe von ihren Textilfabriken in Genf und Neuenburg über die Grenze nach Frankreich zu schmuggeln. 

Unterdessen hätte man den Wandel vom Leinen zur Baumwolle in der Ostschweiz fast verpasst. Einer der Pioniere der Baumwollindustrie war Peter Bion, der sich den widrigen Zunftregelungen widersetzte und vom Handel mit Baumwollstoffen zu deren Produktion überging. Damit trug er wesentlich zur Entwicklung der Textilindustrie in St. Gallen bei. Ab 1730 setzte sich die Baumwollindustrie in der Schweiz durch und Leinen kam aus der Mode.

Toile-de-Jouy: Motiv "Les Travaux de la Manufacture" 1783 aus der Fabrik von Christophe Philippe in Jouy (Met) Indiennes
Toile-de-Jouy: Motiv „Les Travaux de la Manufacture“ 1783 aus der Fabrik von Christophe Philippe in Jouy (c) Diese Datei wurde als Teil des Partnerprojektes mit dem Metropolitan Museum of Art an Wikimedia Commons gespendet. Siehe auch die Dateiquellen und Zugriffsberechtigungen ein., CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=60195787

Höhepunkt

Da die Produktion in Frankreich von 1686 bis 1759 verboten war, waren Schweizer Indienne-Stoffe sehr gefragt. Sie wurden für Vorhänge, Tapisserie und Möbel sowie für Bekleidung eingesetzt. Ende des 18. Jh.s erreichte die Nachfrage ihren Höhepunkt. 1785 produzierte die Fabrique-Neuve in Cortaillod (Kanton Neuchâtel nahe der französischen Grenze) 160.000 Stoffbahnen und wurde damit zum größten Indienne-Hersteller Europas.

Die Indiennes hatten die Schweiz zum größten Baumwoll-Importeur Kontinentaleuropas gemacht. Das Land zählte – gleich nach England – zu den produktivsten Textilindustrien weltweit. In den Indiennes-Betrieben waren an die 10.000 Menschen beschäftigt und die größten Fabriken zählten mehrere hundert Beschäftigte. Meist waren es Saisonarbeiter, da Bleichen und Trocknen unter freiem Himmel im Winter nicht möglich war. Diese Entwicklung brachte der Schweiz großen Wohlstand, machte sie aber auch zum Profiteur des Kolonialismus. 

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Neues Museum Biel, Damenoberteil aus Indiennedruck, 1860–1870 (c) https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/ab/Damenoberteil_Indiennedruck.jpg

Dreieckshandel

Das 18. Jh. war das Jahrhundert der Aufklärung und des vermeintlich wissenschaftlichen Rassismus. Denn die in der Aufklärung proklamierten Menschenrechte galten nicht für alle. Frauen und schwarze Menschen waren ausgenommen. Folglich wurden Indiennes zu wichtigen Tauschwaren im transatlantischen Sklavenhandel. Als die Necker 1789 nach Angola segelte, machten Schweizer Stoffe drei Viertel des Warenwerts aus, den man gegen Sklaven tauschte. Vom Spätmittelalter bis in die frühe Neuzeit (1800) wurde der Handel zwischen Europa, Afrika und Amerika als atlantischer Dreieckshandel bezeichnet. Waren wie Stoffe, Rum oder Glasperlen wurden von Europa nach Westafrika gebracht und dort gegen versklavte Menschen eingetauscht, die in die Amerikas verschifft wurden. Von Amerika gelangten wiederum Rohstoffe wie Baumwolle, Zucker, Tabak und Gewürze nach Europa. 

Kolonialismus

Bereits Ende des 18. Jh.s war es in den Niederlanden und Großbritannien gelungen, die Indiennes mithilfe der Mechanisierung billiger zu produzieren und so der indischen Textilindustrie zunehmend die Grundlage zu entziehen. Erst als nach der Abschaffung der Sklaverei in den USA (1865) eine Rohstoffkrise entstand, erlangte der indische Markt wieder größere Bedeutung. Auch die Baumwoll-Produktion war von Sklavenhaltern betrieben worden.

Aber Indien litt unter dem britischen Kolonialregime, das seit der Eroberung der Bengalen – der reichsten Provinz Indiens – durch den britischen General Robert Clive im Jahr 1757, zunehmend die Produktion kontrollierte. So wurde etwa der Indigo-Anbau in Bengalen verstärkt, weil die Niederlage im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg 1783 zu einem Verlust der nordamerikanischen Anbauflächen geführt hatte. Indische Bauern wurden gezwungen, Baumwolle anstelle von Nahrungspflanzen anzubauen und mussten eine Grundsteuer an die britische Kolonialregierung zahlen. Der Handelsstrom wurde umgekehrt und England belieferte den rasch wachsenden indischen Markt mit massenhaft produzierten Indiennes aus den frühindustriellen heimischen Fabriken. Gleichzeitig gingen die Einfuhren von exklusiven Stickereien und bedruckten und bemalten Stoffen für den blühenden englischen Markt weiter.

Rohstoffhandel

Über 200 Jahre hatten die Navigationsakte den freien Warenverkehr zwischen Indien und Europa blockiert. Die gesamte Einfuhr außereuropäischer Güter nach England sowie der gesamte Küstenhandel in englischen Gewässern war englischen Schiffen vorbehalten. Die Einfuhr europäischer Waren war nur auf englischen Schiffen und solchen der Ursprungsländer gestattet. Das änderte sich erst mit der endgültigen Aufhebung der Navigationsakte 1849, die den freien Warenverkehr und damit den Rohstoffhandel in Europa begünstigte.

Junge Schweizer Kaufleute, die ihre wirtschaftlichen Möglichkeiten in der Schweiz stark eingeschränkt sahen, suchten ihr Glück in Übersee und begannen, Waren zwischen entfernten Märkten weltweit zu vermitteln: indische Baumwolle, japanische Seide, westafrikanischen Kakao, … Im sogenannten Transithandel befanden sich die Waren zwar nie auf Schweizer Boden, aber die Gewinne flossen doch ins Land. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Schweiz zu einem der wichtigsten Handelszentren für Rohstoffe.

Beispielgebend für den Rohstoffhandel war das Schweizer Handelshaus Gebrüder Volkart das 1851 eine Niederlassung in Bombay gründete, und sich auf den Handel mit Rohbaumwolle spezialisierte. Um seine Aktivitäten in Indien auszubauen, kooperierte Volkart eng mit dem britischen Kolonialregime. Die Politik der Unterdrückung sowie die Ausweitung der Eisenbahn in die Binnenregionen Indiens, ermöglichten es dem Unternehmen bald, ein Zehntel aller indischen Baumwollausfuhren in die Textilfabriken Europas zu liefern. Damals dauerte der Schiffstransport von Indien nach Europa zwei Monate. Der Suezkanal war noch nicht eröffnet und die Schiffe mussten ganz Afrika umrunden. Ende des 19. Jh.s war Volkart einer der größten Baumwollexporteure weltweit.

Missionierung

Ein weiteres Unternehmen, das während der Kolonialherrschaft florierte, war die Basler Mission. Das 1815 von Schweizer Protestanten und deutschen Lutheranern gegründete Unternehmen versuchte ab 1834 ‚Ungläubige‘ zum Christentum zu bekehren. Besonders erfolgreich waren die Bemühungen in den heutigen südindischen Bundesstaaten Kerala und Karnataka – da Inder aus den unteren Gesellschaftsschichten dadurch zum ersten Mal Zugang zu Bildung und Ausbildung erhielten.

Die Konversion zu einer anderen Religion führte jedoch zum Ausschluss aus Gesellschaft und Broterwerb. Die Basler Mission löste das Problem, das sie geschaffen hatte, indem sie kommerzielle Projekte startete, um die Konvertierten in Webereien zu beschäftigen. In den 1860er-Jahren wurden vier Webereien betrieben – und Textilien in Regionen des britischen Reiches – wie Afrika, den Nahen Osten und Australien – exportiert.

Unabhängigkeitsbewegung

Im 20. Jahrhundert erlangte die Baumwolle in Indien wieder eine neue Bedeutung. Ab 1930 wurde die handgesponnene und -gewebte Baumwolle, bekannt als Khadi, zum Symbol der indischen Unabhängigkeitsbewegung und zum Markenzeichen von Mahatma Gandhi. Er wollte das einfache, bäuerliche, auf Selbstversorgung beruhende Leben der kleinen Aschram-Gemeinschaft zum Vorbild für ein freies, auch wirtschaftlich von Großbritannien unabhängiges Indien machen. Demonstrativ bediente er selbst das Spinnrad – auch in politischen Versammlungen.

Gandhis Zimmer im Harijan-Aschram mit Spinnrad (c) Von AquaMellon 11:01, 24 September 2006 (UTC) – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1208847

Stickerei

Die Baumwolle gehörte bis weit ins 20. Jh. zu den wichtigsten globalen Handelsgütern. Erst nach dem Ende der Kolonialzeit, in den 1950er-Jahren, begann der Schweizer Baumwollhändler Volkart seine indischen Unternehmungen zu verkaufen und die Geschäfte in die westliche Hemisphäre zu verlagern.

Die Ära der Schweizer Indiennes-Industrie ging schon zwischen 1820 und 1850 zu Ende. So wurde etwa die Fabrique-Neuve in Cortaillod 1854 geschlossen. Eine Ausnahme bildete der Kanton Glarus, der ab 1820 eine neue Blüte erlebte. Die Textilindustrie in der Ostschweiz hatte sich schon in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts mehrheitlich der Stickerei zugewandt. Diese ermöglichte St. Gallen die dritte und bei weitem größte Blüte seiner Textilgeschichte.

Heute kommen einige der besten Indiennes aus Frankreich. Zu den größten und bedeutendsten französischen Fabriken für bedruckte Stoffe im Indiennes-Stil zählte die 1759 von Christophe-Philippe Oberkampf in Jouy-en-Josas gegründete. Führ ihn arbeiteten die bekanntesten Textildesigner und viele der Entwürfe befinden sich heute im Musée des Arts décoratifs (Kunstgewerbe Museum) in Paris. Die Produktion wurde 1843 eingestellt, aber bis heute ist Toile de Jouy in Frankreich ein Synonym für Indiennes.

Nach dem großen Erfolg von zwei Ausstellungen zur Verflechtung der Schweiz mit der Kolonialisierung wurde im Mai 2021 im Schweizer Nationalmuseum Château de Prangins eine Dauerausstellung unter dem Titel Indiennes. Ein Stoff erobert die Welt installiert.

Hildegard Suntinger

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