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Show-off: Zeitgenössisches österreichisches Modedesign im Museum

Als am 13. Februar 2020 die erste Ausstellung über zeitgenössisches österreichisches Modedesign eröffnet wurde, war das ein großer Moment für die Modedesigner*innen. Die meisten verkaufen ihre Kollektionen ausschließlich an Geschäfte außerhalb Österreichs – haben also kaum Berührungspunkte zum lokalen Modepublikum. Auch im Ausland lebende Modedesigner wie Arthur Arbesser (Mailand), Andreas Kronthaler (London) und Peter Pilotto (London) stellten Exponate zur Verfügung.

Show-Off. Austrian Fashion Design läuft im Museum für Angewandte Kunst in Wien – noch bis 12. Juli 2020. Aufgrund der Coronakrise wurden Ausschnitte der Ausstellung online zur Verfügung gestellt.

Foto oben: Schella Kann H/W 1992/93 (c) Rudi Molacek

Aufbruchsstimmung

Es ist eine Überblicksausstellung: Die Exponate datieren bis in die frühen 1980-er Jahre. Eine Dekade, in der die Welt eine Explosion des Designs erlebte. In Paris sorgten Yohji Yamamoto und Rei Kawakubo für Kontroversen und in London schrieben die Antwerp Six Modegeschichte. Auch in Österreich war es eine Zeit des Aufbruchs, die von mehreren wesentlichen Ereignissen markiert war:

  • Das Zeitgeist Magazin Wiener wurde gegründet (1979) und sah sich als Sprachrohr der jungen kreativen Wiener Szene, die von Punk, Ska und New Wave inspiriert war.
  • Die Leitung der Modeklasse an der Universität für Angewandte Kunst in Wien ging erstmals an einen Designer aus der Modemetropole Paris (1980): Karl Lagerfeld, der damals noch für Chloé designte.
  • Die erste Avantgarde-Modemesse wurde abgehalten (1984): im U4, einer Diskothek im Keller eines Shopping Centers in Wien. Die Szene war in Euphorie – und österreichisches Modedesign erlebte eine mehrere Jahre andauernde Blütezeit.
  • Der Wiener Modedesigner Helmut Lang hatte in Paris seinen Durchbruch (1986) und sollte in den darauffolgenden Dekaden das Modegeschehen wesentlich beeinflussen.
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Marina Hoermanseder H/W 15/16 (c) Stefan Armbruster

Kick-off

Für den Direktor des Museum für Angewandte Kunst, Christoph Thun-Hohenstein, ist es ein Kick-off. Modeausstellungen sollen zum fixen Bestandteil des Programms werden. In der Pressekonferenz sagte er, österreichisches Modedesign könne sich sehen lassen, müsse aber auch gesehen werden. Gleichzeitig stelle die Ausstellung die Basis für einen strukturierten Ausbau der Modesammlung im Bereich zeitgenössisches Modedesign dar.

Show-off

Irritationen gab es zum englischen Titel der Ausstellung Show-off (deutsch: angeben). Die Co-Gastkuratorin erklärte in der Pressekonferenz, dass der Name der Bescheidenheit der zeitgenössischen Modedesigner entgegenwirken solle. Ulrike Tschabitzer-Handler: „Wir sind stolz, unsere Leute groß und laut vorzustellen.“

Show-off  ist übrigens auch der Titel einer Modeausstellung, die seit Oktober 2019 im Modemuseum Hasselt (BE) läuft. Dort geht es allerdings um protzige Dekorationen in der Luxusmode.

Im Wiener Museum für Angewandte Kunst sind es Arbeiten von 66 herausragenden österreichischen Designern aus den vergangenen 40 Jahren, die präsentiert werden. Die Auswahl erfolgte nach den Kriterien

  • nationale/internationale Auszeichnungen;
  • internationaler Vertrieb;
  • Features in der internationalen Presse;
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Peter Pilotto F/S 2018 (c) Dan Lecca

Dimensionen

Schon auf den ersten Blick zeigt sich, dass groß und laut kein leeres Versprechen war: Die Ausstellung ist von überdimensionierten Elementen dominiert: Im Entree hängen Screens von der Decke, auf denen die sogenannten Talking Heads zu sehen sind: Akteure der österreichischen Modeszene im Interview. Im zweiten Raum folgt ein langer roter Teppich, der von zwei Screens flankiert wird. Auf den Screens werden Show-Sequenzen der Modeklasse der Universität für Angewandte Kunst eingespielt – und jener der Unterrichtenden. Dabei durfte einer nicht fehlen: Ikone Karl Lagerfeld! Am Ende des roten Teppichs biegt man nach rechts ab und gelangt in den nächsten Raum – und in das Zentrum der Ausstellung: hier türmt sich eine raumgreifende Skulptur auf und bildet das Grundgerüst für die Präsentation der Exponate. Der Entwurf stammt vom Architekten Gregor Eichinger, der sich an Tetris, einem Computerspiel aus 1984 inspirierte. Die schwarze Metallkonstruktion ist würfelartig aufgebaut und auf zwei Ebenen begehbar. Die Exponate sind in den Würfeln präsentiert – auf Puppen oder auf Kleiderbügeln.

An den Wänden des Raums sind wiederum überdimensionierte Prints von Modefotografien angebracht: Die Urheber sind Rudi Molacek, Elfie Semotan, Wolfgang Zac, Jork Weismann, Stefanie Mooshammer – um nur einige zu nennen.

Der darauffolgende und letzte Raum ist österreichischen Modemagazinen und Ausstellungskatalogen gewidmet, die in Vitrinen präsentiert werden. Auf einem Screen werden Sequenzen der U-Mode Wien eingespielt.

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Show-off (c) MAK – Ditz Fejer

Knalleffekt

In einer architektonischen Dramaturgie, in welcher der Tetris-Turm den Knalleffekt bildet, ist die Ausstellung stimmig. Diese Konzeption ist einem schnellen Konsum zuträglich. Eine zeitliche Orientierung und eine tiefergehende Auseinandersetzung mit der österreichischen Modehistorie der vergangenen 40 Jahre bleiben jedoch aus.

In Relation zur Ausstellungsfläche von 1600 qm sind die Exponate auf dem Tetris Tower extrem dicht gedrängt. Auch folgt die Anordnung keinem System – weder chronologisch noch thematisch. Die Beschriftung ist rudimentär. Beschrieben wird nicht die Position, sondern nur die Person des Designers. Selbst das Entstehungsdatum des Exponats bleibt ungenannt. Insgesamt liefert die Ausstellung also mehr Informationen über Personen als Informationen über österreichisches Modedesign.

Hintergrund

Die Co-Gastkuratorin Tschabitzer-Handler bemaß die Erfolge des österreichischen Modedesigns in der Pressekonferenz an einer nicht vorhandenen Modeindustrie. Tatsächlich ist die Kluft zur Industrie, die sich in den Sektoren Trachten- und Sportmode konzentriert, unüberbrückbar. Seitdem es Helmut Lang in den 1980er Jahren über Paris in den Modeolymp schaffte, orientieren sich viele Modedesigner an globalen Strömungen, die sich in Österreich bis zuletzt schwer umsetzen ließen. Die Szene teilt sich also in eine handvoll Designer, die in Paris präsentieren und andere, die die Vienna Fashion Week als Plattform nutzen. Die COVID-19 Krise könnte das ändern. Bis jetzt aber war diese Haltung eisern.

Die bei der Pressekonferenz anwesenden Journalisten wollten wissen, was gemacht werden muss, um das österreichische Modedesign größer zu machen. Co-Gastkurator Andreas Bergbauer wies darauf hin, dass man den Designern die Möglichkeit geben müsse, zu wachsen. Wozu es vor allem Kontinuität in den Förderungen brauche.

Andreas Bergbauer und Ulrike Tschabitzer-Handler waren Co-Gründer von Unit F Büro für Mode, das bis 2013 für die Planung und Durchführung von Fördermaßnahmen von österreichischem Modedesigns zuständig war. Seither wird diese Aufgabe von der Austrian Fashion Association (AFA) erfüllt.

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Femme Maison F/S 2018 (c) Sia A.P. Kermani

Fußnote

Dank staatlicher Förderprogramme entwickelte sich österreichisches Modedesign in der vergangenen Dekade relativ erfolgreich. Aber nach wie vor müssen Erfolge äußerst hart erarbeitet werden. Ein Hürde ist die geringe Modeaffinität des heimischen Modepublikums. Erfolgreiche Modeunternehmen haben einen starken Heimmarkt – und dieser ist in Österreich nicht gegeben. In den Geschäften dominieren große Namen aus den Modenationen Italien und Frankreich.

In einer Zeit des Internet hat dieses Problem an Bedeutung verloren. Online-Shops ermöglichen ein globales Modepublikum  – zumindest theoretisch. Tatsächlich aber ist die physische Präsenz in Showrooms in Paris unumgänglich. Österreichische Modelabels stellen dort im DACH- Showroom aus. Die Teilnahme wird von der Austrian Fashion Association (AFA) organisiert. Dort erwies sich zuletzt Japan als einer der interessantesten Märkte. Der enthusiastische Modemarkt Japan schätzt österreichisches Modedesign wegen des konzeptionellen Ansatzes.

Ein weiterer Nachteil Österreichs gegenüber Modenationen wie Frankreich und Italien ist die kaum vorhandene Infrastruktur. Der Modesektor, der sich in Österreich halten konnte, ist die Trachtenmode. Nach dem Niedergang der Textilindustrie in Vorarlberg gibt es auch kaum noch Betriebe im Bereich der Stoffherstellung. Aber gerade Innovationen im Stoffbereich wären für zeitgenössisches österreichisches Modedesign wichtig. Die letzte Show der Modeklasse der Universität für Angewandte Kunst zeigte ein großes Bedürfnis danach: viele junge Designer kreieren Materialeffekte, die neue Herstellungstechnologien erfordern. Diese zu ermöglichen, erfordert die Zusammenarbeit mit der Forschung. In absehbarer Zeit könnten aus der Kunstuniversität Linz geeignete Start-ups hervorgehen. Hier wurde 2015 die Fachrichtung Fashion & Technology (FAT) gegründet, in der traditionelles Handwerk mit neuen Technologien verbunden wird.

Die Ansätze für ein Wiederaufleben der österreichischen Modeindustrie sind gegeben – vor allem im Bereich der akademischen Lehre und der Förderungen. Für eine Umsetzung wird es aber auch eine gemeinsame Strategie brauchen. Bis jetzt verpufft viel an Wirkung in diskontinuierlichen einzelnen Aktionen. Was aussteht, ist die Vernetzung mit Handel und Industrie.

Im internationalen Kontext ist Show-off übrigens nicht die erste Ausstellung über zeitgenössisches österreichisches Modedesign. Schon im Dezember 2016 wurde im Liu Haisu Art Museum in Schanghai die Ausstellung Refashioning Austria abgehalten – kuratiert von Claudia-Rosa Lukas von Austrianfashion.net. Im Jahr darauf präsentierte sie einen Auszug daraus im Me Collector’s Room in Berlin.

Hildegard Suntinger

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