Mode mit sozialen Auswirkungen, Modedesigner mit sozialem Engagement

Radikal Sozial: Mode mit Werten

Im 20. Jahrhundert wurde Mode zu einem ästhetischen Wesen, das sich ökologischen, sozialen und kulturellen Strukturen entzieht. Eine Entwicklung, die junge Modedesignende zunehmend in Frage stellen. Sie wollen die Modeproduktion sozialer machen und mit ihrer Kreativität positive Veränderungen in der Gesellschaft anstoßen. Aber auch in französischen Luxusmodehäusern wie Chloé in Paris beginnt man über wertebasierte Strategien nachzudenken.

Die Modedesignerin Bethany Williams (31) wird in London als soziale Pionierin gehandelt – und als eine, die die Welt der Mode neu denkt. Ihre Kollektionen entstehen aus wiederverwerteten Stoffen und werden in sozialen Organisationen gefertigt. Zuletzt arbeitete sie mit Making for Change, einer Organisation, in der inhaftierte Frauen in der Modeproduktion geschult werden – um die Rückfallquote zu senken. Dabei bezahlt sie Löhne, die über der ortsüblichen Mindestgrenze liegen. Außerdem ist ihr Team für die Zusammenarbeit mit den oft traumatisierten Mitgliedern dieser Communities psychologisch geschult. 

Dieser Artikel erschien am 1. April 2022 in die Presse Schaufenster

Veränderungen bewirken

Sie habe das Gefühl zwischen zwei Welten zu stehen. Denn im Alltag arbeite sie mit Menschen, die es wirklich schwer haben, während die Mode eine Art Seifenblase sein könne, sagte Williams gegenüber Vogue. Andererseits könne Mode aber auch genutzt werden, um Ideen zu verbreiten und Veränderungen zu bewirken. Mit ihrer Kollektion möchte sie das Leben dieser Frauen verbessern und gesellschaftlichen Klischées entgegenwirken. Andrew Groves, Professor für Modedesign an der University of Westminster in London, sieht in ihrem Unternehmenskonzept eine Blaupause für die Zukunft. Gegenüber Vogue sagte er: „Früher haben wir den Designern ihre ehrgeizigen Welten abgekauft, heute kaufen wir ihnen ihre ehrgeizigen Handlungen ab.“ 

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Kunstpraktiken

Eine Theorie, die vom Erfolg der Designerin bestätigt wird. Ihre Kollektion hängt bei Selfridges neben jenen von Luxuslabels wie Loewe und Lanvin und seit Juni 2019 stiegen die Umsätze ihres Labels um 75 Prozent. Wobei Williams auch ihren Erfolg teilt: Zwanzig Prozent der Großhandelsumsätze der vergangenen drei Kollektionen gingen an Wohltätigkeitsorganisationen, wie etwa The Magpie Project, das obdachlose Mütter mit unter fünfjährigen Kindern unterstützt. 2021 erhielt sie schließlich den British Fashion Council/Vogue Fashion Fund. Ihren radikal sozialen Zugang zur Modeproduktion hat sich Williams im Studium der Fine Art Critical Practice an der Universität von Brighton angeeignet, wo sie lernte, wie man Kunstpraktiken gegen Globalisierung und Homogenisierung einsetzen kann.

Mode mit sozialen Auswirkungen, Sheltersuit
Sheltersuit in New York (c) Tony Dočekal

Next Generation Leader

Beim niederländischen Modedesigner Bas Timmer (31) war es der Erfrierungstod des obdachlosen Vaters von zwei Freunden, der ihn ins soziale Unternehmertum trieb: Er skizzierte eine wärmende Funktionsjacke, an die ein Schlafsack angezippt werden kann und die Idee zu Sheltersuit Foundation war geboren. Seither verwendet er seine Zeit für das Sammeln von Deadstock und Spendengeldern, um möglichst viele Obdachlose mit seinen Sheltersuits versorgen zu können. Heute betreibt er soziale Werkstätten in den Niederlanden, in Südafrika und in den USA. Durch die lokale Produktion entstehen Arbeitsplätze und die Transportwege entfallen. 

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Den Start in den USA ermöglichten Spenden der Wohltätigkeitsorganisationen Rockefeller und Hearst. So wurde auch das Time Magazine auf ihn aufmerksam und verlieh ihm den Titel Next Generation LeaderTimmer sei ‚der Anwalt der Obdachlosen’, so die Begründung. Neben der Linderung der harten Lebensumstände der Obdachlosen ist ihm auch deren Würde ein Anliegen. Deshalb will er im nächsten Schritt Wasch- und Reparaturstationen errichten. „Es ist nicht fair, dass wir diese enorm große Wirtschaft haben und nicht an die Menschen denken, die auf der Straße leben,“ sagt Timmer. Es ist nicht fair, dass wir diese enorm große Wirtschaft haben und nicht an die Menschen denken, die auf der Straße leben. 

Es ist nicht fair, dass wir diese enorm große Wirtschaft haben und nicht an die Menschen denken, die auf der Straße leben.

Bas Timmer, sozialer Entrepreneur

Wertebasierte Luxusmode

Eine Mitstreiterin fand er in der Modedesignerin Gabriela Hearst (44), die ihn erst mit ihrem eigenen nachhaltigen Label unterstützt hat und die Partnerschaft dann auf das Modehaus Chloé erweiterte, wo sie Kreativdirektorin ist. Bei ihrer ersten Show für Chloé im Frühjahr 2021 zeigte sie Sheltersuits, um Timmers Foundation zu promoten. So erhielt er eine Öffentlichkeit, die ihm sonst nicht zugänglich gewesen wäre. Außerdem designten sie gemeinsam einen Rucksack, der von Chloé verkauft wird und dessen Erlös an die Sheltersuit Foundation geht. Gegenüber dem Guardian sagte Hearst, dass die Pandemie das Ende des hedonistischen Luxus gebracht habe und sie Chloé so für die Zukunft stärken wolle. Darüberhinaus hat sie Chloé viermal nachhaltiger gemacht und zeigt mit ihrem ökosozialen Engagement die Abkehr von einer rein ästhetisch geleiteten Mode hin zu einer wertebasierten. 

Mode mit sozialen Auswirkungen, Empathy Jacket, René Scheinbauer,
Empathy Jacket (c) Courtesy of René Scheibenbauer

Kollektive Kollektionsentwicklung

Bei dem in London lebenden österreichischen Modedesigner René Scheibenbauer liegt das soziale Moment in der Kollektionsentwicklung. Ein Ansatz, der aus seiner persönlichen Erfahrung resultiert: Im ersten Jahr seines Modestudiums an der Central Saint Martins empfand er ein Gefühl von Bodenlosigkeit und musste sich in der neuen Umgebung erst finden. Das versuchte er vor allem durch Meditation und Tanz. Eben diese Techniken wendet er jetzt auch in seiner Kollektionsentwicklung an, die er im Kollektiv mit Freunden in Workshops organisiert. 

Die Workshops sieht er als einen Raum für Selbstreflexion, in dem abstrakte Emotionen in Bewegungen Ausdruck finden können. „Durch Beobachtungen und Gespräche kann ich mich auf die emotionale und sinnliche Qualität von Kleidung einfühlen und Zusammenhänge zwischen der Wahl der Kleidung und der Geisteshaltung oder der emotionalen Verfassung des Individuums erkunden“, sagt er. Selbst queer, verfolgt er in seinen Fragestellungen Themen wie Ästhetik, Stil und Gender. 

Therapeutisches Werkzeug

Die Erkenntnisse aus diesen Workshops lässt er später in seine Kollektionen und in das Kreativkonzept seiner Shows und Shootings einfließen. Ein Beispiel dafür ist das Empathy Jacket aus seiner Abschlusskollektion 2018. Es schafft Raum für zwei Menschen, die über ein experimentelles Element an der Jacke interagieren und sich gegenseitig anleiten. Für den Designer ist diese Art Kleidungsstück ein therapeutisches Werkzeug, das den Teilnehmern eine offene und spielerische Form der Auseinandersetzung bietet. Ein Ansatz, der an die Bauhaus-Bewegung erinnert, in der performativer Körperausdruck als etwas Heilendes empfunden wurde und der Entfremdung von der Natur entgegenwirken sollte. Eine Idee, die auch in unsere technologiegetriebene Gegenwart passt. 

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